Matrimandir5. Kapitel: Matrimandir

Matrimandir ist ein magischer Ort mit gleich drei Heiligtümern, dem Amphitheater aus roten Steinen, mit der Urne in der Mitte, dem riesigen Banyan-Baum und der  Kugel mit den vergoldeten, runden Platten, die kleinen nach außen gewölbt, die größeren nach innen, die alles überragt.

Der vergoldete Tempel in Kugelform in Zentrum Aurovilles, ist immer noch unvollendet. Böse Stimmen behaupten, das sei Absicht, weil es sonst keine Zuschüsse von internationalen Organisationen mehr gäbe.

John aus Kanada dagegen erzählte uns, daß es Probleme mit der Kühlung gab und sich Wasser zwischen den Platten der Außen-verkleidung bildete. Den Schaden würde die Firma bezahlen, die den Auftrag nicht fachgerecht ausführte.

Doch man kann dies auch anders sehen!

Heute saßen wir bei Abenddämmerung unter dem heiligen Banyan-Baum, dem Baum, der vor 35 Jahren als einziger der Wüste standhielt. Er sah damals gar nicht gut aus; offensichtlich kämpfte er um sein Überleben.

Unterdessen hat er gewaltige Ausmaße angenommen: Überall hat er kräftige Luftwurzeln bekommen, von denen die meisten sich längst im Boden verankert haben. Nicht ein einzelner Baum steht hier, nein ein ganzes Nest von Bäumen scheint es zu sein, Unterschlupf genug für 80 – 100 Menschen.

Heute haben wir in einem der 12 Petals (Stützpfeiler mit Innenraum) meditiert.

Um in die runde Meditationskugel  vom Matrimandir hinein zu kommen, muß man vier Mal persönlich erscheinen:

1) um sich den Auroville-Film anzuschauen

2) um in einen der Petals zu kommen

3) um sich für das Innere der Kugel anzumelden und in eine Liste eingeschrieben zu werden

4) der Besuch des Inneren von Matrimandir

Ach ja, dazu kommt noch, daß die Schritte von 2 - 4 nur möglich sind, wenn man in einem Ashram- oder Auroville-Gästehaus nächtigt und sich dort eine Besucherkarte aushändigen läßt.

Klingt ganz schön bürokratisch, oder? Doch andrerseits: Keine Horden  "knipsender Japaner", keine "Amis in buntkarierten Hosen", keine "arroganten, wichtigtuerischen Deutschen". Die wirklich dort ankommen, sind keine Touristen, sondern Menschen, die ein echtes, tiefes, inneres Anliegen haben.

Es ist geplant, daß in jedem der 12 Pfeiler (petals) ein Meditationsraum untergebracht ist, jeder einem anderen göttlichen Aspekt gewidmet. Die meisten sind noch nicht fertig.

Der Meditationsraum, in den wir kamen, war in violettes Licht gehüllt, mit einem Symbol, ebenfalls in violett, an der Wand. Eine Frau aus Auromodell, Chantal mit Namen, soll es entworfen haben. Es heißt "Equality" was soviel bedeutet wie Gleichheit. Ich verstehe darunter "All is the one" oder "Wir alle sind eins", wie es Neale D. Walsch ausdrückt.

Wieder im Freien, haben wir noch die Urne besucht, in der Jugendliche aus 45 Ländern unseres Planeten Muttererde aus ihrer Heimat am Tag der Proklamation der internationalen Yogastadt Auroville feierlich hineingaben. Danach wurde die Urne, die auf einer Spirale, inmitten eines großen Amphitheaters steht, verschlossen. Dies war im Jahr 1968.  Da stellt sich die Frage: Wozu all dies? Warum solch pompöse Bau-werke in unserer pragmatischen Zeit?

Es ist der Glaube an den Aufstieg der Menschheit in das supramentale Bewußtsein, eine Theorie, entwickelt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Sri Aurobindo.

Sie sagt kurz zusammengefaßt folgendes:

1) Zuerst gab es auf unserem Planeten nur tote, anorganische Materie in Form von Feuer, Steinen und Sand und dies für Jahrmillionen.

2) Dann geschah ein evolutionärer Sprung in der Geschichte unserer Welt. Irgend jemand oder etwas, nenne es Gott oder auch sonstwie, hauchte der toten Materie Leben ein. Das Leben explodierte regelrecht; es entwickelten sich Millionen von Erscheinungsformen im Wasser, auf der Erde und in der Luft. Die entstandenen Lebewesen hatten allerdings kein Bewußtsein, keine Möglichkeit einer selbst bestimmten Weiter-entwicklung. Sie handelten ausschließlich nach ihrem Instinkt.

3) Da geschah der zweite Sprung. Dieses höhere Wesen, von dem ich im ersten Abschnitt schon sprach, hauchte einer einzigen Gattung all dieser Millionen von Lebewesen Bewußtsein ein, dem zu allerletzt entstandenen Menschen nämlich. Ausgerechnet er, der im Vergleich zur Geschichte unserer Erde erst seit verschwindend kurzer Zeit auf ihr weilt, bekam dieses Geschenk und nutzte es, um den ganzen Planeten nach seinen Vorstellungen umzukrempeln und ihm seinen ganz ureigenen Stempel aufzudrücken.

Doch die Menschheit befindet sich längst tief in einer Sackgasse, aus der sie alleine nicht mehr herausfindet. Sie ist dabei, den Planeten und all seine Lebewesen unwiderruflich auszulöschen.

Die Zeit ist überreif für den nächsten Sprung nach vorn ins Supramentale Bewußtsein.

4) Wir befinden uns in der Geburtsphase des neuen Menschen, des supramentalen Menschen, der in der Lage sein wird, eine neue Welt zu erschaffen, eine Welt ohne Krieg und Unterdrückung, geprägt von der Erkenntnis, daß wir alle eins sind, alle Schwestern und Brüder und als solche auch zusammenleben können.

Dies ist es, was hinter diesem bombastischen Bauwerk steht: der Glaube und die Hoffnung auf ein erneutes Eingreifen Gottes in die Geschicke unseres Planeten.

Ich bin trotzdem kein Schüler Aurobindos geworden, zumindest nicht langfristig. Dazu bin ich zu sehr ein Freigeist, doch von seiner Kerntheorie bin ich geprägt bis heute. Ich glaube an die Zukunft der Menschheit: deshalb habe ich eine Familie gegründet, Kinder gezeugt und nach dem Scheitern der ersten Ehe sogar ein zweites Mal geheiratet.

Wir waren heute im Inneren von Matrimandir:

Ein kühler Raum mit zwölf Säulen außen herum, und alles ganz in weiß gehalten. In der Mitte eine durchsichtige Kugel auf vier der Symbole von Aurobindo (ein in die Breite projizierter Davidstern mit einer Lotusblüte in der Mitte) ruhend.

Wir waren vorher angewiesen worden, nicht herumzugehen, keine Mantren zu singen, keine lauten Gebete zu sprechen, sondern uns einen Platz zu suchen und an diesem in völliger Stille zu verharren.

Insgesamt waren wir ca. 20 Menschen aus aller Welt, die wir auf diese Weise  längere Zeit im Meditationsraum verbrachten.

Die Farbe weiß verkörpert für mich die Leere. Zum ersten Mal konnte ich Sätze nachempfinden wie "In der Stille sind alle Töne und Geräusche enthalten", "Die Leere, das Nichts enthält alles, was existiert" oder "Alles hat seinen Ursprung im Nichts". Es war beeindruckend. Nina und ich hielten uns ca. 45 Minuten im Inneren von Matrimandir auf und es wurde uns nicht langweilig dabei. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf und ich spürte starke Emotionen in mir hochsteigen. Entscheidende Situationen in meinem Leben liefen noch einmal vor meinem geistigen Auge ab.

1973, als ich Auroville nach 1 1/2 Jahren Aufenthalt wieder verließ, hatte ich das ganze Projekt abgeschrieben. Ich dachte, es wäre nur eine Frage von Zeit, bis diese Utopie wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde. Auroville hat harte Zeiten erlebt, schien schon fast am Ende, doch die Idee, die dahinter steckt, blieb am Leben. Und unterdessen läuft das Projekt längst wieder weiter. Der Meditationsraum im Inneren von Matrimandir ist fertig, die äußere Hülle wird noch in diesem Jahr beendet werden. Ich selbst konnte mich heute von den enormen Fortschritten überzeugen. Das, was ich nie geglaubt hätte, ist geschehen; der wohl ungewöhnlichste Tempel der Erde (das Monument der Leere) neben Damanhur mit seinem unterirdischen Tempel ist Realität geworden, all meiner Skepsis zum Trotz.

 

Kapitel 19: Kumari - die Göttin auf Zeit

Als eine von vier kleinen Mädchen wurde ich von ehrwürdigen, alten Männern durch einen langen Gang geführt. An dessen Ende befand sich eine Türe, die bei unserem Erscheinen durch einen Diener geöffnet wurde. Der Raum dahinter war völlig abgedunkelt. Ich starrte wie gebannt darauf und versuchte zu ergründen, was er verbarg. Da plötzlich brach ein greller, lauter Schrei aus mir hervor...

Es war einmal ein kleines Mädchen, das in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, lebte. Ich erteile ihr hiermit das Wort, um ihre Geschichte selbst zu erzählen.

Mein Vater war ein Silberschmied und hatte eine Werkstatt mit kleinem Laden im Haus, in dem wir alle zusammen wohnten. Wir, das waren, außer mir, mein Vater meine Mutter und meine fünf Geschwister, drei Mädchen und zwei Jungen.

Meine erste deutliche Erinnerung setzte ein, als eines Tages drei alte Männer in Mönchsgewändern an unserer Türe läuteten. Sie sprachen kurz mit unseren Eltern, dann ließen sie uns Mädchen in einer Reihe aufstellen und begutachteten uns aufs Genauste. Zuletzt zeigten sie auf mich; ich erschrak zu Tode und wollte schon losschreien, da sah ich die strahlenden Gesichter meiner Eltern, was mich vollends verwirrte.

Die Männer verbeugten sich respektvoll und verließen das Haus."Du bist in den engeren Kreis zur Wahl der neuen Kumari gekommen." Ich verstand kein Wort. Da erzählte mir meine Mutter die alte Legende, auf welcher der Kult der Kumari beruht.

"Im 17.Jahrhundert war König Jayaprakash Malla der Herrscher über Nepal, ein Land, das damals noch um einiges größer war, als heute. Eines Tages spielte er ein Würfelspiel mit einer seiner Hofdamen. Er würfelte eine Zwölf, als er zu seiner Mitspielerin aufsah und gebannt innehielt. Da saß nicht mehr seine Hofdame, sondern eine weibliche Gestalt mit der Schönheit einer anderen Welt. Der Schein ihrer Augen, die so schwarz waren wie die Nacht, faszinierten ihn. Auf einmal begann er sie körperlich zu begehren, mehr als seine eigene Frau. Doch sein Gegenüber konnte seine sündigen Gedanken lesen, denn es war die hinduistische Göttin Taleju Bhawani. Sie warf dem König einen erzürnten Blick zu und beendete das Spiel, indem sie im Nichts verschwand.

Dem König war klar, dass dies das Ende seiner und seiner Söhne Herrschaft bedeuten würde, gelänge es ihm nicht, den Zorn der Göttin zu besänftigen. So rief er die wichtigsten Hohepriester des Landes zusammen und befahl ihnen, alles zu tun, um die Göttin zu beschwichtigen. Zehn Tage lang wurden heilige Opferhandlungen abgehalten, zahlreiche Opfertiere ihr zu Ehren geschlachtet, bis endlich die erhoffte Antwort der Göttin kam:

"Nie wieder soll ein menschliches Wesen mich begehren, wie der König es tat. Von nun an werde ich mich nur noch im Körper eines jungfräulichen Mädchen aus einer niederen Kaste inkarnieren."

Sie legte gleichzeitig zu ihrer Botschaft ihre Kriterien zur Wahl der Kumari, wie ihre Vertretung auf Erden seitdem genannt wird, fest. Die Kumari ist nur eine Göttin auf Zeit, denn mit ihrer ersten Regelblutung endet ihre Amtszeit sofort.

Meine Mutter zeigte mir ein Photo der aktuellen Kumari. Ich war fasziniert von der Erscheinung des Kindes, ganz in kostbaren, roten Stoffen eingekleidet und mit einem hohen festlichen Kopfschmuck. Ihre echten Augen waren kohlrabenschwarz, mit schwarzem Kajal umrandet und bis zu den Schläfen hin verlängert. Ihre Lippen leuchteten mit der Kleidung um die Wette; knallrot! Auch die Stirn war rot und gelb umrandet. In der Mitte ihrer Stirn hatte sie das dritte Auge aufgezeichnet, mit dem sie auf die andere Seite der Welt schaut. Um den Hals trug sie eine breite Kette aus Gold, verziert mit Edelsteinen in neun Farben. Die zweite Kette, die ihr weit in die Brust hinab hing, glich dem Körper einer Schlange.

Natürlich verstand ich als Kind, das ich war, die Legende und die Rolle der Kumari nur in Ansätzen. Doch eines hatte ich begriffen; es war eine große Ehre, als Kumari ausgewählt zu werden.

Nach drei Tagen kamen die Männer wieder und brachten mich in den Palast der Kumari. Meine Eltern begleiteten mich; ich wurde ausgezogen und mein Körper nach Unregelmäßigkeiten abgesucht.

Die Kumari muss 32 bestimmte Schönheitsmerkmale mitbringen; sie muss schwarze Augen und Haare haben, darf aber nicht schielen. Ihre Haut muss makellos sein, ohne Muttermale, Flecken, Narben, Pickel oder Ausschlag. Außerdem darf sie keine chronische Krankheit und keinen Zahn verloren haben.

Ich war wahnsinnig aufgeregt und am Ende völlig aufgelöst, als ich erfuhr, dass ich den hohen Ansprüchen genügte. Man hatte mich tatsächlich für den kleinen Kreis von vier Mädchen ausgewählt, denen nur noch eine einzige Prüfung, eine Mutprobe, bevorstand. Meine Eltern verabschiedeten sich von mir, mein Vater zwinkerte mir vielsagend zu und sagte: "Du bist die Favoritin - du wirst die neue Kumari!"

Während wir uns ausruhen durften, döste ich ein und sah mich im Traum bereits als neue Kumari auf dem Thron sitzen, umgeben von zahllosen Menschen, die mir huldigten und mich als Göttin Taleju umjubelten.

Jäh wurde ich durch den lauten Klang einer Glocke aus dem Schlaf gerissen. Es war bereits dunkel geworden und wir sollten uns bereit machen für eine schlaflose Nacht. Feierlich wurden wir durch das ganze Kloster geführt. Am Ende betraten wir einen langen Gang, der zu einer geheimen Tür führte.

Als wir vier Mädchen uns näherten, wurde sie mit lautem Knarzen geöffnet. Meine scharfen Augen erheischten einen Blick ins Innere. Was ich sah, weiß ich beim besten Willen nicht mehr; ihr könnt mir glauben, es ist tief in meinem Unterbewußtsein verschollen. Ich erinnere mich nur noch, wie sich ein gellender Schrei aus meiner Kehle löste.

Sofort war einer der Mönche bei mir, nahm mich sanft an der Hand, tätschelte meine Haare und ... führte mich weg. Da erst begriff ich die Dimension dieses Moments: Ich war ausgeschieden, ich hatte versagt und der Traum von der Kumari hatte sich wie zerplatzte Seifenblasen in Nichts aufgelöst.

Die nächsten Wochen war ich untröstlich; ich weinte viel und haderte mit mir und meinem Schicksal. Meine Eltern und Geschwister trösteten mich, wo sie nur konnten. Trotzdem verkroch ich mich fast einen Monat lang im kleinsten Zimmer des Hauses und dämmerte vor mich hin.

Da plötzlich packte mich Eifersucht und mein wieder erwachter Lebenswille. Ich wollte sie sehen; ich wollte bei der Inthronisations-Feier der neuen Kumari dabei sein und wissen, wer von meinen drei Konkurrentinnen mir den Thron "gestohlen" hatte.

Meine ganze Familie ging mit mir dorthin. Der Platz war gesteckt voll, doch da ich noch klein und zierlich war, gelang es mir, mich in die vorderste Reihe vorzudrängen. Und da wurde sie auf dem Arm eines Helfers gebracht; es war Surmita. Meine Enttäuschung ließ Tränen in mir aufsteigen. 

Doch was nahm ich da aus nächster Nähe wahr? Sie glich eher einer Puppe als einem Menschenskind, wie sie mit abwesendem Blick in Richtung der jubelnden Menge sah. Zwar war sie wundervoll gekleidet, doch wirkte dies übertrieben bei einem kleinen Kind wie ihr und bestärkte meinen Eindruck von Unechtheit noch.

Ob sie wohl glücklich war?

Die ersten Zweifel, was das "königliche" Leben der Kumari angeht, beschlichen mich.

Die Jahre meiner Kindheit vergingen; ich wurde eingeschult, fand viele Spielkameraden, und Freunde. Ich wurde zu ihren Geburtstagen eingeladen und sie kamen zu mir an dem meinen.

Oft fragte ich meine Eltern, und Geschwister, was denn im Leben der Kumari anders ablaufen würde und immer wieder hörte ich die Antwort:

"So wie du darf sie nicht sein! Die Außenwelt kann sie nur durch ein Gitter sehen; sie muss viele Stunden bewegungslos auf ihrem Thron verharren und jeden Tag viele Besucher empfangen. Aus der geringsten ihrer Körper- oder Gesichtsregungen wird das zukünftige Glück oder Unglück des Fragestellers gelesen. Nur 13x im Jahr darf sie die heiligen Mauern verlassen und zwar an den religiösen Feiertagen. An diesen versammeln sich Tausende von Menschen auf den Straßen, um die Schutzgöttin von Nepal zu sehen. Ihre Helfer tragen sie durch die Menge, weil ihre Füße den Boden nicht berühren dürfen. Die  einzige, wirkliche Aufgabe der Kumari ist es, die Herzen ihrer Anhänger mit Glück zu erfüllen."

Zahllose Male sah ich, anläßlich eines dieser Ereignisse, meine frühere vermeintliche Rivalin. Doch mein Herz war längst nicht mehr von Neid, sondern von Mitleid für dieses arme Wesen erfüllt, dem eine unbeschwerte Kindheit verwehrt wurde.

Als ich im Alter von 11 Jahren spürte, dass ich zur Frau wurde, befiel mich Panik. Jetzt als Kumari, wäre meine Karriere als lebendige Göttin zu Ende; ich würde, von meinem Thron herabgestürzt, zurückgeschickt zu meiner Ursprungsfamilie. Welch ein Schock! Wie wird es wohl Surmita in dieser nicht mehr fernen Stunde ergehen? Sie ist weder körperlich noch geistig auf ein normales Leben vorbereitet und hat auch nie gelernt, mit anderen Menschen auf gleicher Ebene zu reden. Sie wird es sehr schwer haben in ihrem Zukünftigen Leben, das so fremd ist, von dem ihrer Zeit als Kumari.

Und noch etwas erfuhr ich von meinen Geschwistern, das mich zutiefst erschütterte:

Ex-Kumaris sollen ihren künftigen Ehemännern angeblich Unglück bringen. Laut einer Statistik sterben in den meisten Fällen die Männer innerhalb eines Jahres nach der Hochzeit! Und selbst, wer nicht daran glaubt, wird sich denken: Wie kann eine Frau, die jahrelang von Tausenden von Menschen angehimmelt wurde, eine gute Ehefrau sein?

Noch am gleichen Abend begab ich mich in den nächsten Tempel, spendete den Göttern Reis, Linsen und Obst, rief die Göttin Taleju an, warf mich vor ihr auf den Boden und dankte ihr von ganzem Herzen, von der Wahl zur Kumari verschont geblieben zu sein!

 

Varanasi

Kapitel 23: Bei den Adivasi (Ureinwohnern):

Als nächstes stand die „Tribal-Tour“ auf unserem Programm.

Erst einmal verbrachten wir einen ganzen Tag im Taxi. Am zweiten Tag sahen wir die ersten Ureinwohner mit Ringen in der Nase, aber indisch gekleidet. Von ihrem Aussehen her wären sie mir gar nicht aufgefallen; hingegen sah ich Hinweise auf Schulen und Ausbildungsstätten, speziell für die Adivasi.

Könnte es sein, dass sich viele Leute als Adivasi bezeichnen, um von diesen Programmen der Regierung zu profitieren?

Unser Führer behauptete, das würde nicht stimmen; trotzdem blieben mir Zweifel.

Die kleinen Dörfer, die wir besuchten, unterschieden sich nur wenig von denen der indischen Bevölkerung.

Wir waren leider von Anfang an mit unserem Führer unzufrieden; er bemühte sich zwar, es uns recht zu machen, doch schien er wenig kompetent für seinen Job. Die Informationen, die wir wollten, mussten wir ihm regelrecht aus der Nase ziehen.

Um beginnenden Spannungen entgegenzuwirken, luden wir ihn am ersten Abend auf ein Bier ein. Dies war leider ein Fehler, denn er zog eine Flasche Brandy aus seiner Tasche, von der er reichlich in sein Bier hinein schüttete. Schnell war er betrunken und sämtliche weiteren Fragen sinnlos. Es war das erste und letzte Mal, dass wir ihn zu einem alkoholischen Getränk einluden.

Am nächsten Morgen war er sehr bemüht, den vergangenen Abend vergessen zu machen. Wieder waren wir Stunden im Auto unterwegs.

Schließlich landeten wir in einem Dorf, nicht weit von der Straße entfernt, in dem etliche der erwachsenen Frauen durch schwarze Striche, kreuz und quer im Gesicht, entstellt waren; ich empfand es zumindest so. Zuerst dachte ich, sie hätten sich nur zu einem speziellen Anlaß so bemalt, doch es waren Tätowierungen, die für immer im Gesicht blieben.

Wir fragten sie über unseren Führer, was der Grund dafür sei, doch sie konnten keinen nennen.

„Das war schon immer so; es ist uralte Tradition in unserem Stamm!"

Nina und ich entwickelten die verschiedensten Theorien, warum sie das seit Jahrhunderten taten: „Vielleicht kam es früher vor, dass Nachbarstämme ihre weiblichen Mitglieder entführten und deshalb beschlossen sie, ihre Frauen zu entstellen und damit für Feinde unattraktiv zu machen.“ Wir wissen nicht, ob das stimmt, doch leuchtet mir diese Erklärung am ehesten ein. Dass die Frauen und ihre Männer diese Art von Tätowierungen schön finden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Wir gingen noch in einen anderen Ort, der von den Gebäuden und Menschen her wieder sehr indisch wirkte. Als ein junger Mann Anstalten machte, auf eine Palme zu steigen und den vergorenen Palmsaft zu holen, wurde uns der Grund des Besuchs klar. Der Palmwein schmeckte gut, doch uns gefiel nicht, wie sich unser Führer und auch unser Fahrer davon reichlich bedienten. Auch eine kreisende Brandyflasche war uns nicht entgangen.

So mussten wir mit unseren Begleitern ein ernstes Wort reden, mit der abschließenden Aufforderung, den Konsum von Alkohol zumindest während des Tages und während der Autofahrten völlig zu unterlassen.

Erst am vierten Tag, bei unserem zweiten Besuch eines Eingeborenenmarktes, stießen wir zum ersten Mal auf Bonda-Frauen. Sie waren zweifellos ein ungewöhnlicher Blickfang, mit ihren kurzen Röcken, ihren mit bunten Kappen aus Tüchern geschmückten, sonst kahl geschorenen Köpfen und einem Hemd aus vielen langen Ketten, mit denen sie ihre Brüste verdeckten. Es waren auch viele ältere Frauen dabei, ungewöhnlich schlank und von drahtiger Gestalt. Männer sahen wir dagegen keine.

Die Frauen stürzten sich sofort auf uns und die wenigen anderen Weißen; mit einer Penetranz ohnegleichen wollten sie uns bunte Ketten, geflochtene Armbänder und kleine gebogene Messer, die sie als Schmuck trugen, verkaufen. Dies störte uns massiv; unser Führer, der dies mitbekam, meinte vermitteln zu müssen, indem er sie mit deutlich zur Schau gestellter Arroganz und Respektlosigkeit behandelte, um für uns einen günstigen Preis auszuhandeln. Doch ich wäre ihnen lieber entgegen gekommen und hätte dafür gerne ein paar Fotos geschossen - allerdings nur so lange, bis wir mitbekamen, dass sich die Bondas nicht gerne fotografieren lassen; sie glauben, wie viele anderen Ureinwohner weltweit, dass sie den Inhabern ihrer Bilder Macht über sich geben. Dies ist durchaus nachvollziehbar für uns und wir könnten es auch gut akzeptieren, wenn sie in ihrer Haltung konsequent wären; doch bei Bezahlung hoher Summen waren sie auf einmal doch bereit, sich fotografieren zu lassen.

Uns gefiel weder das Verhalten der Bondas noch das der Inder. Die Inder ließen die Eingeborenen deutlich fühlen, dass sie in ihren Augen Wilde, also Menschen zweiter Klasse sind. Dass die Inder ihre Ureinwohner nicht mögen und sie für minderwertig halten, ist mir nicht neu, doch könnte es andrerseits sein, dass wir Westler sie fälschlicherweise als „edle Wilde" idealisieren?

„Wo sind eigentlich die Männer des Stammes?“

„Sie hängen besoffen irgendwo in der Gegend  herum und warten, dass ihre Frauen mit Geld zurückkommen, damit sie sich neuen 'Stoff' kaufen können!“

Wir waren erst einmal enttäuscht, wenn nicht sogar geschockt, denn in der Reiseagentur, in der wir unsere Tour gebucht hatten, hingen Gemälde, welche die Bondas und ihr Leben in und mit der Natur sehr positiv darstellten:

Männer bei handwerklichen Arbeiten, Frauen mit Krügen auf dem Kopf, in denen sie Trinkwasser transportieren, und daneben im Kreis tanzende Kinder. Im Hintergrund war ein Wasserfall zu sehen und idyllische Natur!

Na, ja, vielleicht waren wir nur am falschen Platz! So drängten wir auf baldige Weiterfahrt. Auf die Frage, ob und wann wir ein echtes Bonda-Dorf ansehen würden, wichen unsere Begleiter aus und fuhren statt dessen zuerst einmal zu einem großen Wasserfall; eigentlich waren es drei Wasserfälle, die in eine 400 m tiefe Schlucht hinabstürzten. Es war ein schöner Platz und wir verbrachten deshalb gerne den ganzen Nachmittag dort.

Die Geschichte mit den Bondas ging mir die ganze Nacht durch den Kopf. Ich wollte unbedingt wissen, was an den Erzählungen über sie wahr ist und was nicht. Nina war der gleichen Meinung.

So fingen wir am nächsten Morgen gleich wieder von dem Bonda-Dorf an. Unser Führer las in unserem Übernachtungsort einen Ortskundigen auf, der uns fortan begleitete. Danach fuhren wir nur ein kurzes Stück mit dem Auto, stoppten am Straßenrand uns schlugen einen kleinen Weg ein. Nach drei bis vier Kilometern stießen wir auf ein kleines Dorf mit indisch aussehender Bevölkerung. Allerdings war ihr Verhalten anders, nämlich wie das von Ureinwohnern: Sie wollten nicht fotografiert werden!

Als wir wieder nach den Bondas fragten, zeigte unser Führer in der Richtung weiter und sagte: "Ein Kilometer weiter liegt ein kleines Dorf, in dem Bondas leben." Wir gingen also weiter und begegneten nach einer weiteren halben Stunde Fußmarsch einer alten Bonda-Frau, traditionell gekleidet, mit zwei Kindern. Sie kehrte sofort um und führte uns in ihr Dorf.

Von der Idylle, wie auf den Gemälden im Reisebüro, keine Spur. Wir sahen kleine schmutzige Kinder mit aufgeblähten Bäuchen. Kein Zweifel, sie litten unter Mangel- und/oder Fehlernährung. Die Frauen saßen mit merkwürdig entrückten Gesichtern herum und beobachteten uns aus einer gewissen Entfernung. Freude über unser Kommen konnten wir beim besten Willen nicht in ihren Gesichtern sehen. Insgesamt zählten wir 15 Personen, davon die Hälfte Kinder und ein Junge im Teenager-Alter.

Als wir begannen, Fragen zu stellen, antwortete der neue Begleiter in seiner Muttersprache und unser Führer übersetzte das Gesagte ins Englische. Wir waren damit nicht einverstanden und änderten deshalb unsere Vorgehensweise: „Können Sie bitte die Frauen fragen, von welchem Grundnahrungsmittel sich der Stamm ernährt, wo ihre Männer sind, warum sie  ihre Kinder nicht in die Schule schicken, ob es bei ihnen arrangierte Ehen gibt und ob die Familien der Frauen, wie in Indien hohe Mitgift zahlen müssen?“

Nach einer Weile zeigten sie uns kleine Körner, die wie Amaranth aussahen und Schalen von Bohnen ähnlichen Früchten.Diie Männer arbeiteten angeblich auf dem Feld. Der Weg zur nächsten Schule war ihnen für die Kinder zu weit (aber um auf den Markt zu gehen, offensichtlich nicht) Die Ehen sind arrangiert, aber es gibt keine Mitgift.

Um so mehr und genauer wir fragten, um so weniger wandte sich der Ortskundige an die Frauen, die wie in Trance auf ihren Plätzen verharr-ten und uns mit seltsamen Blick anstarrten.

Ich hatte den Eindruck, dass wir nicht willkommen waren. Nach einer Weile stand ich auf und wollte gerade ein Foto von dem Kakteenhain am Rande des Ortes machen, da begann die am nächsten Sitzende heftige Handbewegungen zu machen, die ich nur als Nein deuten konnte. Als ich auf die Hütten zeigte, die gleiche Reaktion. Auf Personenaufnahmen dagegen schienen sie jedoch eingehen zu wollen, allerdings verlangten sie dafür noch mehr als auf dem Markt. So steckte ich meine Kamera weg.

Es liefen auch einige kleine Hunde herum; auf einen kleinen braunen hatten es zwei Jungen besonders abgesehen. Sie zogen ihn an den Ohren und warfen ihn durch die Gegend, wie ein altes, kaputtes Spielzeug. Nach einiger Zeit konnte ich dieses Schauspiel nicht länger ertragen und nahm das winselnde Tier an mich. Es kuschelte sich ganz eng an meine Füße und machte keine Anstalten, zu spielen oder herum zu tollen.

Ihres "Opfers" beraubt, schnappten sich die beiden Jungs einen anderen kleinen Hund mit schwarzem Fell. Die Frauen sahen dem Treiben ihrer „Sprößlinge“ desinteressiert zu, ohne in irgendeiner Weise einzugreifen. Wir waren entsetzt. "Fragen Sie die Frauen, ob es in ihrem Stamm normal ist, so mit ihren Haustieren umzugehen!“

Unser Dolmetscher wider Willen ignorierte unsere Fragen.

Wir hatten keine Lust, uns weiter an diesem Platz aufzuhalten und machten Anstalten den Rückweg anzutreten. Unsere Begleiter folgten uns, in ein angeregtes Gespräch vertieft, nach.

Doch wir kamen nicht weit, da schnitt mir, der ich als erster voranging, eine finster dreinblickende Gestalt den Weg ab. Gleich hinter ihm kam ein weiterer, abenteuerlich aussehender Mann, nur mit Lendentuch und einer alten  Anzugjacke europäischen Stils auf der nackten Haut bekleidet, der wütende Worte in seiner Sprache ausstieß. Er ignorierte Nina und mich und stürzte sich auf unseren Führer und unseren Dolmetscher. Als er den Bogen und die Pfeile sah, entriss er dem frisch gebackenen Besitzer einen Pfeil und zerbrach ihn mit Geschrei. Es folgte eine wütende Diskussion von fünf Minuten, bis unser Führer seinen Geldbeutel zückte und den beiden 20 Rupies gab.

Wir alle beschleunigten unseren Schritt, die beiden stark nach Alkohol stinkenden Gestalten blieben bald zurück.

„Wie kann man mittags schon so betrunken sein! Die Männer wollten uns untersagen, ihr Dorf zu besuchen. Und andrerseits schicken sie ihre Frauen halbnackt und allein auf den Markt, um Geld zu machen. Selbst rühren sie den ganzen Tag keinen Finger, betrinken sich statt dessen maßlos und spielen dann den wilden Mann. Weder eine Schule für ihre Kinder noch eine Krankenstation in der Nähe akzeptieren sie. Krankheiten versuchen sie mit Wildkräutern kurieren; zusätzlich beten sie zu irgendwelchen Geistern um Genesung. Natürlich hilft das nichts, doch ihnen ist nicht zu helfen. Sie werden wohl bald aussterben und es ist auch nicht schade um solche Dummköpfe und Primitivlinge!“

So äußerten sich unsere Begleiter. Betroffen gingen wir den langen Weg zum Auto zurück. „Könnte es nicht sein, dass ihr Alkoholismus Ausdruck einer Art Kulturschock ist?“

„Ach was, die Bondas haben immer schon Alkohol in großen Mengen konsumiert. Als sie noch kein Geld hatten, um welchen zu kaufen, haben sie ihn aus allem gemacht, was hier so wächst, ihn stümperhaft in primitiven Destillierkolben gebrannt und sich systematisch damit vergiftet.“

Nach diesen vernichtenden Worten waren wir um so mehr erstaunt, dass sie, als wir wieder am Auto waren, den Vorschlag machten, noch einen anderen, etwa zivilisierteren Stamm zu besuchen, in dem die Frauen schwere Halsringe aus Massivsilber und riesige Ohrringe trugen.

Noch einmal fuhren wir eine Stunde durch die Gegend und brachen dann ein zweites Mal zu Fuß in einen sandigen Seitenweg auf. Nach drei Kilometern erreichten wir eine typisch indische Siedlung, was man schon daran erkannte, dass die Kinder nicht vor uns davonliefen, sondern uns umringten und nach Schokolade und Stiften fragten. Unser Leiter schob sie missmutig auseinander und drängte auf sofortiges Weitergehen. „Das Ureinwohnerdorf ist noch zwei Kilometer weiter!“

Doch wir hatten längst die laute Musik und die Schritte von Tanzenden unterhalb von uns bemerkt. Wir hatten keine Lust, uns vorschreiben zu lassen, wohin und wohin nicht, da wir eh' mit unseren Führern und der gebuchten Tour unzufrieden waren.

So begaben wir uns schnurstracks zum Ort des Geschehens. Etwas unterhalb stießen wir auf einen kleinen, mit Blumengirlanden geschmückten Platz, auf dem eine Gruppe junger Mädchen und Männer einen Kreistanz aufführten. Wie wir erfuhren, handelte es sich um eine Hochzeit, doch das Brautpaar war nicht zu sehen; es hielt sich in einem der Häuser auf.

Als besondere Attraktion trieben junge Männer vier Wasserbüffel die enge Straße hinab zu dem kleinen übervölkerten Platz. Es gab ein heilloses Durcheinander, viele mussten zur Seite springen oder fielen übereinander. Unter viel Geschrei und Gelächter rauschten die Büffel vorbei und verschwanden in der nächsten Straße.

Unsere Begleiter standen mit missmutigen Gesichtern weiter oben. So gingen wir bald zurück und wieder folgte uns ein Schwall von Kindern, diesmal bis ans Ende des Dorfes.

Nur zwei Kilometer weiter ein völlig anderes Bild. Die Bewohner hielten sich zurück und ihre Kinder versteckten sich hinter den Müttern. Als erstes verteilte unser Führer Kekse an Kinder und Erwachsene. Viele liefen bereits in westlicher oder indischer Kleidung herum; nur in ihrem scheuen Verhalten unterschieden sie sich noch von diesen.

Einige wenige, ausschließlich alte Frauen, trugen kiloschwere Halsringe aus Silber. Nina durfte sie anfassen; sie waren tatsächlich aus massivem Silber und entsprechend schwer.  Außerdem trugen sie noch übergroße Ohrringe, die mitten durch die Ohrmuschel gezogen waren. Eine Frau klappte sie nach oben, um zu zeigen, wie sie beim Schlafen damit umgingen.

Auch dieser Stamm verlangte hohe Preise für Fotos, je nach Anzahl der Personen auf jedem Bild. Unterdessen verzichtete ich gerne auf Fotos, nicht nur des Geldes wegen, sondern weil ich niemanden zu etwas nötigen wollte, was diesem eigentlich widerstrebte. Als wir das Dorf wieder verließen, kam uns ein westliches Paar mittleren Alters entgegen. Wir sprachen sie an und siehe da, sie sprachen voller Begeisterung von ihrer Tour und ihrem Führer. „Diesen Nachmittag waren wir bei der Hochzeit im vorherigen Dorf eingeladen und wurden dem Brautpaar vorgestellt. Die kommende Nacht schlafen wir hier in einem Zelt und verbringen den morgigen Tag mit dem Stamm.“ Ihr Führer, der das Gespräch mitbekommen hatte, stellte sich uns in perfektem Englisch vor. Er kannte sich offensichtlich weit besser aus als unsere beiden Begleiter. Sofort überfielen wir ihn mit Fragen, und er beantwortete sie aus dem Stegreif. Das andere Pärchen wollte natürlich mit ihm weitergehen und wir blieben enttäuscht zurück. Warum hatten wir nicht ihn zum Führer?

Wir waren noch keine 100m entfernt, da sahen wir den kompetenten Führer uns nachlaufen. „Ich habe mir zehn Minuten Zeit genommen, weil ich bei euch so großes Interesse an den Ureinwohnern vorgefunden habe. Also schießt los mit euren Fragen!“ So bekamen wir doch noch die Antworten, die wir eigentlich von unserem bezahlten Führer erwartet hatten. Ich fasse das Wichtigste kurz zusammen:

"Die Bondas sind Animisten und beten Sonne, Mond und Naturgeister an.

Seit Jahrhunderten sind sie zu 100% Analphabeten und deshalb fehlt ihnen jedes Basiswissen. Bis vor wenigen Jahren liefen sie völlig nackt herum und lebten in abgelegenen Waldgebieten von der Jagd. Doch heute gibt es keine wilden Tiere mehr und auch die Wälder sind fast alle verschwunden. Der Plan der indischen Regierung war, ihre Urwälder zu erhalten, doch die Bondas haben sie weit unter Marktwert an Papierfabriken verkauft.

Gerade in den letzten Jahren gab es eine Menge unlösbarer Probleme mit ihnen, als wir versuchten Schulen und kleine Gesundheitsstationen in ihrem Gebiet einzurichten. Die Männer des Stammes überfielen immer wieder die Einrichtungen und richteten großen Schaden an. Schließlich zog sich die indische Regierung und auch die Polizei völlig zurück.

Was soll man auch mit einem unzivilisierten Stamm tun, der unsere Lehrer und Ärzte tätlich angreift, auf rituelle Menschenopfer zu bestimmten Anlässen besteht und nur das Recht des Stärkeren anerkennt?

Andere Menschen zu töten gehört zu ihrem Alltag; über 60% der Stammesmitglieder sterben eines unnatürlichen Todes. Wenn einer einen schweren Unfall hat und nicht allein in sein Dorf zurückkehren kann, wird er seinem Schicksal überlassen, d.h. er bleibt einfach liegen, bis er verwest oder von wilden Tieren aufgefressen wird. Nicht einmal eine würdevolle Bestattung kennen sie!

Sämtliche Feste enden in Alkoholorgien und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Selbst der Brautpreis wird in Schnaps ausbezahlt; wenn ein Mann nicht genügend davon anbieten kann, entführt er einfach die Frau seiner Wahl und vergewaltigt sie drei Tage lang. Danach kann sie wieder in ihr Elternhaus zurückkehren, doch nur die Wenigsten tun dies, denn entehrt wie sie sind, finden sie keinen Ehemann mehr.

Die Bondas sind die extremsten und primitivsten aller Stämme. Wenn sie sich weiterhin strikt weigern, sich anzupassen und in die indische Gesellschaft zu integrieren, haben sie keine Zukunft mehr.

Die Mehrheit der Stämme sind vernünftig und einsichtig; sie benützen schon seit Jahren die speziell für sie entwickelten Entwicklungsprogramme, um gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Natürlich geht dabei ein Großteil ihrer Tradition verloren, doch was für eine Tradition ist das? Eine Tradition, die Frauen zwingt, kiloschwere Silberringe um den Hals  und übergroße Ohrringe zu tragen, ihr Gesicht zu verstümmeln und ein primitives, von Aberglauben, Ignoranz  und Unwissenheit geprägtes Leben zu führen.“

Das waren harte Worte und ich hatte während der Weiterfahrt schwer daran zu kauen. War dies wirklich so, oder sind die Ureinwohner dem aufstrebenden Indien mit seinen Satelliten, Atommeilern und Düsenjägern ganz einfach ein Dorn im Auge? Ich glaube trotz unserer unschönen Erfahrungen, dass genau dies zutrifft.

Ich denke, dass die Bondas und viele andere Ureinwohner Indiens ihrer alten Umgebung, dem Wald und ihrer Haupttätigkeit, der Jagd, in den letzten Jahrzehnten systematisch entfremdet wurden. Sie leben in einem Zustand seelischer Armut und Verzweiflung; das letztere, weil viele ihrer Werte durch den Zusammenstoß mit der Zivilisation wie ein Kartenhaus zusammengebrochen sind.

Dass den Ureinwohnern der Wald, ihr ursprünglicher Wohn- und Lebensraum genommen wurde und weiterhin wird, hängt mit der Einstellung der meisten Inder und der indischen Regierung zusammen, nämlich, dass die übriggebliebenen Reste der Natur vor dem Menschen geschützt werden müssen.

Laut „Indien im Aufbruch“ von Karl-Julius Reubke sagte Indira Ghandi schon vor 31 Jahren: „Wenn wir nicht in der Lage sind, den Stammesbevölkerungen, die noch im Dschungel leben, Beschäftigung und damit Kaufkraft zu verschaffen, können wir nicht verhindern, dass sie weiterhin die Wälder durch-kämmen, um dort ihre Nahrung zu finden und sich am Leben zu erhalten, auch wenn dies die Zerstörung der Vegetation bedeuten mag. Wie können wir sie veranlassen, die Tierwelt zu erhalten, wenn sie selbst so elend dran sind? Deshalb ist unser Ziel, sie aus dem Wald zu holen, um die Vegetation und die Tierwelt vor ihnen zu schützen.“

Diese Worte zeigen klar, dass Indien kein Interesse hat, seine Ureinwohner in ihrer natürlichen Umgebung zu belassen, sondern sie mit allen Mitteln „zivilisieren“ will. Wenn es in der Zeit, die uns in Indien noch bleibt, irgendwie möglich ist, möchte ich gerne noch Stämme in den Nilgiri-Hills, vor allem die Todas, über die Clemens Kuby einen sehenswerten Film gedreht hat, besuchen.

 


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