Meine Höhle in Soria 1982Der Traum von einer Lebensgemeinschaft

1977 hatten wir, vier Männer, mit mehr oder weniger Vorerfahrung, eine Vollkornbäckerei in München gegründet, fast ohne Startkapital, aber mit viel Idealismus. Unser Traum war, uns, mit unserer Hände Arbeit, von ganz unten nach oben zu arbeiten. Wir kamen allerdings nie aus den roten Zahlen heraus und kämpften mit einer Unmenge von Schwierigkeiten in Form von immer neuen Auflagen von Gewerbeaufsichtsamt und Lebensmittelbehörde. Nachträglich weiß ich, dass es eine Schnapsidee war, ohne ein entsprechend hohes Startkapital solch ein Projekt zu beginnen. Wir wollten dies damals einfach nicht wahrhaben, bissen uns 3 Jahre lang durch, was auch nur mit Hilfe der beiden Stände möglich war, die wir am alternativen Theaterfestival und dem Schwa­binger Weihnachtsmarkt betrieben.

Die Bäckerei war Teil eines größeren Projektes mit dem Namen „Werkhaus“. Es handelte sich dabei um ein altes vierstöckiges Haus, welches von einem Verein geführt wurde, in dem wir auch selbst Mitglieder waren. Dort lebte damals eine Kerngruppe von 6 – 8 Leuten, welche die sogenannte „Alltagsschule“ bildeten. Der Rest des Hauses war an verschiedenste Gruppierungen aus dem Alternativbereich vermietet, u. a. auch an uns, die wir uns die „Kornkraft GmbH.“ nannten.

Im 1. Stock gab es eine Teestube, die von Menschen aus den verschiedensten Gesellschafts­schichten rege besucht wurde. Unser Haus war auch im „Alternativen Adressbuch“ verzeichnet und dadurch bestanden Kontakte zu anderen Projekten in ganz Deutschland.

Dort erfuhr ich auch zum ersten Mal von Christiania, einem besetzten ehemaligen Militärgelände in Kopenhagen, auf dem sich eine alternative Lebensgemeinschaft niedergelassen hatte. Daran war ich stark interessiert, knüpfte Kontakte und organisierte sogar einen Informationsabend über Christiania. Ich lernte Leute von dort persönlich kennen und hatte auch den Wunsch, dort hin zu fahren; doch war ich nicht abkömmlich in unserer Vollkornbäckerei, die immer wieder in tiefe Krisensituationen hineinschlitterte.

Andrerseits häuften sich in der Presse jeglicher Couleur negative Berichte über Christiania: von  chaotischen Zuständen war die Rede, von Drogenexzessen bis hin zu brutaler Gewaltanwendung, meist verursacht durch Leute, die von Berichten aus der alternativen Presse angelockt wurden und dort ihren eigenen Trip durchziehen wollten. Die Christiania-Fans, die ich von meinem Vortragsabend her kannte, resignierten auch bald. Dazu kam, dass die Höhen und Tiefen, die Christiania durchlief, mich eher abschreckten.

am Hippiestrand Taurito (Gran Canaria) 1982

So kam es, dass ich den Ort niemals besuchte.

Zum zweiten Mal wurde mein Interesse an einer alternativen Lebensgemeinschaft geweckt, als junge Menschen das Gelände der Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben besetzten und den „Freistaat Wendland“ ausriefen. Zu gerne wäre ich dabei gewesen, doch es ging arbeitsmäßig wieder nicht. Immerhin, im Geiste war ich dabei. Ich lernte Münchner kennen, die dorthin fuhren, nicht als Touristen, sondern um dort zu leben. Sie blieben auch dort, bis das Gelände in einem Polizeieinsatz geräumt und zerstört wurde. Die Zurückgekommenen hatten trotzdem leuchtende Augen und erzählten begeistert von der schönsten Zeit in ihrem Leben: Also doch?

Danach hörte ich durch eine Mitarbeiterin unserer Vollkornbäckerei vom „Valle de la Luna“   („Tal des Mondes“) auf Sardinien, einem paradiesischen Tal mit mehreren kleinen Buchten, das einer alten Frau gehörte. Sie kümmerte sich nicht mehr um ihr Anwesen; alle früheren Bewohner hatten es verlassen. Wieder juckte es mich in meinen Fingern; drei Sommer lang hatte ich den tiefen Wunsch, es zumindest einmal im Urlaub zu besuchen. Dieser Wunsch wurde größer mit jedem Mal, wenn ein „Werkhäusler“ von dort zurückkehrte und darüber erzählte.

Mit der Zeit mischten sich allerdings auch kritische Töne in ihre Berichte; sie klangen ein wenig nach Christiania. Trotzdem, ich wollte das Tal sehen!

Im Sommer 1980 war es soweit: Mit meiner damaligen Partnerin brach ich zum „Valle de la Luna“ auf. Doch welche Enttäuschung sollte uns dort erwarten!

In dem Ort auf  Nordsardinien, von dem aus ein schmaler Pfad ins Valle führte, fragten wir Einheimische nach dem Weg. Sie reagierten unwirsch bis aggressiv: „Geht doch nur dem Dreck nach, und ihr könnt es nicht verfehlen!“ – Und tatsächlich! Der kleine Weg war gesäumt von leeren Flaschen, Dosen, Essensresten und menschlichen Exkrementen. Wir waren geschockt! Am liebsten wären wir umgekehrt; doch jetzt waren wir schon so weit vorgedrungen. Wir wollten das berühmte Valle anschauen.

Endlich erreichten wir es und sahen, dass es sich um ein größeres, unübersichtliches Gelände handelte. Zunächst stellten wir unsere Essensvorräte in den Schatten und gingen los; wir wollten einen ersten kurzen Gesamteindruck bekommen.

Der Platz war echt schön – wenn nur nicht dieser Müll überall gewesen wäre! Wir sahen die verschiedenartigsten Menschen, vom Herumhänger bis hin zum Aktivisten; sie hatten sich kleine Gärtchen angelegt und ihre Behausungen wohnlich gemacht. Doch es herrschte eine merkwürdige Stimmung, so dass wir uns gehemmt fühlten, Kontakt aufzunehmen. So beschlossen wir, erst mal unser Essensgepäck zu holen und uns irgendwo niederzulassen. Tja, wir mussten feststellen, dass unsere Vorräte nicht mehr da waren. Welch unangenehme Überraschung!

Trotzdem blieben wir da, denn es war uns schon zu spät für den Rückweg. Nachdem wir einen einigermaßen sicheren Platz für unsere Rucksäcke gefunden hatten, sahen wir uns ein wenig um. Bald trafen wir eine junge Frau, die wir vom Werkhaus her kannten.

Sie erzählte uns, dass sie mit ihrem Freund ganz oben versteckt wohnte, denn das Valle sei längst zu einem alternativen Insider-Tipp geworden und nur noch ein Schatten dessen, was es noch vor zwei Jahren gewesen war.

Wir wollten noch ein Bad im Meer nehmen und verabschiedeten uns von ihr. Nun, es wäre schön gewesen, ohne all die Glasscherben, die überall herumlagen. Wir wurden traurig. Valle de la Luna, das versaute Paradies: Muss das so sein?

Wir trafen auch noch andere „gute Leute“, die aber leider ganz einfach in der Minderzahl waren. Sie erzählten uns, dass zur Zeit  täglich ca. 100 Menschen hier vorbeikämen; das sei einfach viel zuviel für das Valle. Dadurch geht all das kaputt, was andere hier mühsam aufgebaut haben. Am Anfang war alles wie im Paradies; es kamen hauptsächlich Menschen, welche die Ärmel aufkrempelten und etwas aufbauten. Es kamen auch welche, die aus verschiedensten Gründen aus der Leistungsgesellschaft herausgefallen waren; etliche davon blühten regelrecht auf und fanden einen neuen Lebenssinn.

Doch dann wurden es immer mehr, besonders Personen mit psychischen Problemen, oft noch verbunden mit Drogen. Der Strom der Menschen schwoll zu einer Invasion an und machte das Valle zu einem physischen und psychischen Abfallhaufen – traurig, aber wahr.

Doch ich sollte noch ein weiteres Mal mit einer existierenden, alternativen Lebensgemeinschaft in Kontakt kommen, und diese wurde tatsächlich zu meinem Schicksal. Und das geschah so:

Eines Abends war ich, wie oft, noch mit dem Vorteig für den nächsten Tag beschäftigt gewesen.  Nach getaner Arbeit setzte ich mich noch kurz in die Teestube. Da bemerkte ich zwei Pärchen, die unabhängig voneinander gekommen waren: ein hochgewachsener Norddeutscher mit einer kräftigen Frau, und ein Lockenkopf aus Berlin mit einem jungen türkischen Mädchen.

Die beiden Männer waren sehr mitteilsam, und ehe ich mich versah, war ich schon mittendrin, in der Story von Soria, dem Aussteigerort in den Bergen Gran Canarias.

Der Hüne, mit Namen Christoph, und seine Frau Gerda erzählten mit großer Begeisterung von einem verlassenen Ort, hoch oben in den Bergen, namens Soria, wo sie seit einigen Jahre lebten. Davor hatten sie auf Kreta, in Matala, gelebt; dort war auch ihr Kind Liane zur Welt gekommen, auf ganz natürliche Weise, ohne Krankenhaus und ärztliche Hilfe.

Nachdem es immer mehr Probleme mit den Behörden gab, hauptsächlich bedingt durch den Eintritt Griechenlands in die EU, waren sie nach Soria übergesiedelt, wo es ihnen unterdessen noch viel besser gefiel als vorher auf Kreta. Doch dann war ihr Kind auf tragische Weise in einem Wasserbecken nahe am Meer ertrunken. Daraufhin hatten sie Soria vorläufig verlassen, um von diesem harten Schicksalsschlag Abstand zu bekommen. Deswegen lebten sie jetzt in Deutschland.

Die beiden anderen, Reinhold, der Berliner und Fatima, seine türkische Freundin, hatten eine ganz andere Geschichte zu erzählen: Beide stammen aus Kreuzberg und kennen sich schon vom Sandkasten her. Sie verloren sich aus den Augen. Erwachsen geworden, begegneten sich wieder, fanden sich immer noch sehr sympathisch und verliebten sich ineinander. Doch das war mit extremen Problemen verbunden:

Fatima, obwohl in Berlin geboren, ist eben Türkin, wuchs entsprechend behütet auf, geschützt und damit auch isoliert von anderen, vor allem von nichttürkischen Jugendlichen. Sie konnte sich nicht einfach ungezwungen mit einem jungen Mann treffen, wie es für eine deutsche  junge Frau möglich gewesen wäre, und schon gar nicht als Liebespärchen. Noch dazu ein deutscher Mann - völlig undenkbar in ihrer Familie! Natürlich wollten ihre Eltern und auch ihre Brüder bei der Wahl ihres Partners mitsprechen, der auf jeden Fall ein Türke sein musste ... Nun, ihre Begegnung war schwierig und sehr zeitbegrenzt; um Zärtlichkeiten auszutauschen, trafen sie sich an einer abgelegenen Stelle in einem U-Bahn-Schacht, eine romantische, harmlose Liebe, wie sie es heute bei uns eigentlich gar nicht mehr gibt.

Helga, Momo, Yaiza und ich  1989

Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen blieben sie nicht unbemerkt. Irgendwann wurden sie beobachtet. Ihre Familie erfuhr davon, mit der Folge, dass ihr jedes Wiedersehen verboten und sie auf Schritt und Tritt beobachtet wurde. Trotzdem trafen sich die Verliebten wieder. Daraufhin trat der Familienrat zusammen und beschloss drastische Maßnahmen gegen Reinhold. Aus Angst floh sie mit ihm. Seit Wochen waren sie auf der Flucht, quer durch Deutschland, nicht wissend, wohin ...

So freundeten sich die Vier schnell an und verschwanden in Richtung Soria.

Doch noch ein Weiterer folgte nach, den ich aus dem Werkhaus kannte, Joseph. Er war blutjung, Anfang 20, und mit einem besonderen Schicksal behaftet: Er hatte eine bildhübsche Mutter und zwei überaus attraktive Schwestern. Das Markante an der Familie war eine hervorstechende Nase, die sich aber gut in das Gesamtaussehen einfügte, ja sogar der Familie einen ganz besonderen Touch gab. Auch Joseph trug diese auffallende Nase. Ansonsten war er schlaksig im Wuchs, voller Pickel im Gesicht, dazu dann noch diese Nase. So geriet das, was bei den anderen Familienmitgliedern das ganz Besondere ausmachte, bei ihm zum Tüpfelchen auf dem „i“  seiner Hässlichkeit. Er war nett und zuvorkommend in seinem Wesen, aber eben potthässlich, und ich bedauerte ihn zutiefst.

Er war auch Mitglied der vorher erwähnten Alltagsschule und lebte im Werkhaus. Gerade die Frauen im Werkhaus trieben manch böses Spiel mit dem armen Joseph, der in seiner Gutmütigkeit alles tat, um etwas Liebe und Anerkennung von der holden Weiblichkeit zu bekommen. Natürlich war er chancenlos und wurde obendrein noch schwer gedemütigt. Andi, die ihm besonders gefiel, und auf die er ein Auge geworfen hatte, hatte dies bemerkt; und vor seinen Augen trieb sie es mit einem Holländer, der gerade auf der Durchreise war! Nicht lange danach war Joseph plötzlich verschwunden, und es hieß, er sei in Soria.

1980, von Schlafentzug und permanenter Überarbeitung gezeichnet, stieg ich aus der Bäckerei aus. Kurz danach brach die „Kornkraft GmbH“ zusammen; doch damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Die Steuerfandung hatte uns auf dem Kieker, beschlagnahmte unsere miserabel geführte Buchführung, rechnete uns vor, dass wir für 2 bis 2,50 DM/Stunde gearbeitet hatten. Wir hatten vorher nie unseren Lohn ausgerechnet, aber es war wohl so. Nun, das war natürlich nicht glaubhaft; das Finanzamt setzte für uns einen Mindestlohn ein, kam uns dabei angeblich noch entgegen, rechnete alles hoch und landete bei einem Betrag von 70 000 – 90 000 DM an Steuern, die wir noch zu zahlen hätten; doch die hatte keiner von uns!

Unser Bäckermeister hatte rechtzeitig reagiert, uns zu einem wichtigen Treffen auf ein Fest eingeladen und uns dabei eröffnet, dass er noch in der gleichen Nacht in die USA auswandern würde. Tatsächlich konnte er das, weil er mit einer Amerikanerin verheiratet war. Uns gab er den Rat, uns ebenfalls schleunigst aus dem Staub zu machen, da wir chancenlos waren; zuviel hatte sich über unseren Köpfen zusammengebraut. Nun, tief beunruhigt, verzog ich mich erst mal für 6 Wochen nach Berlin, wo ich unangemeldet in einem besetzten Haus wohnte, und erkundigte mich ausführlich, was ich denn in dieser verfahrenen Situation tun konnte.

Das Fazit sah so aus:

Naiv, wie wir gewesen waren, hatten wir entscheidende Fehler gemacht. Es gab keine Möglichkeit für mich, das Finanzamt von meiner Unschuld zu überzeugen. Am besten wäre, in den sauren Apfel zu beißen und für 5 Jahre ins Ausland zu gehen. Damit wäre in meinem Fall nach 5 Jahren die Geschichte vom Tisch; denn zwar reichen die Fühler der Steuerfandung überall hin, aber die Tatsache, dass ich keine größeren Geldsummen hatte, die ich irgendwo hätte investieren können, würde mich entlasten und bewirken, dass die Akte nach 5 Jahren geschlossen wird; danach könnte ich also ohne große Probleme nach Deutschland zurückkehren. – Und so traf es dann auch wirklich ein!

Nun also, wohin gehen?

Ich hatte schon Erfahrungen mit Indien, wohin ich in jungen Jahren ausgewandert war. Nach 2 Jahren dort war mir aber klar geworden, dass ich entweder ewig ein Fremdkörper bleiben oder meine ureigenste Wurzel kappen müsste. Daher stand mein Entschluss schnell fest:

Nur im europäisch-abendländischen Kulturkreis, dort hin, wo ich am ehesten ohne den ganzen bürokratischen Kram in Frieden leben könnte. So einen Ort gab es damals tatsächlich noch: die Kanarischen Inseln. Mir wurde auch ein Aussteiger-Ort auf Gran Canaria empfohlen, von dem ich schon einmal gehört hatte, nämlich Soria

Von Berlin zurück und noch unschlüssig, was ich tun solle, schrieb ich Joseph. Prompt kam eine Antwort mit genauer Wegbeschreibung. Ja, ja, der gute, arme Joseph!

 

Der „alte“ Fritz und Jörg

Eines Tages brachte Christoph einen jungen Mann mit, als er von der anderen Seite vom Einkaufen zurückkam. Offensichtlich kannten sich beide schon länger, denn sie freuten sich richtig, sich wiedergetroffen zu haben. Christoph kümmerte sich sofort fürsorglich um ihn.

Da erst fiel mir auf, dass Fritz – so hieß er – immer wieder, unvermittelt, auffallend langsame Bewegungen vollzog. Und tatsächlich, er brauchte für vieles etwas länger als wir anderen. Woran es lag, ob er bei der Geburt vielleicht zu wenig Sauerstoff bekommen hatte und dies zu Störungen in seinem Bewegungsapparat führte, erfuhren wir nie. Er redete nicht davon, und wir fragten ihn auch nicht, da wir schnell spürten, dass er unter seiner „kleinen Behinderung“ litt. Doch uns störte das wirklich nicht; Fritz war sehr gutmütig und friedlich in seinem Wesen, und von einer ungewöhn­lichen Zielstrebigkeit, wenn man ihn die Dinge in seinem Rhythmus tun ließ.

Das, was ich von ihm weiß, erfuhr ich durch Christoph, da Fritz nicht viel redete.

Er stammte, wie Uwe und Elke, aus Wiedenbrück, einer Kleinstadt im Rheinland. Sein Alter war Anfang 20; er hatte lange blonde Haare und helle Augen. In Deutschland tat er sich beruflich schwer, da er den Anforderungen der Leistungsgesellschaft nicht entsprach. Zu den Behinderten zählte er nicht, da er außer seiner Langsamkeit keine Anzeichen irgendeiner Behinderung aufwies; doch unter den „Normalen“ fiel er durch seine langsamen Bewegungen auf. Er begann mehrere Lehrstellen, konnte sie jedoch nicht beenden. So jobbte er vor sich hin, doch überall scheiterte er, da er den Vorgesetzten und Mitarbeitern zu langsam und zu unbeholfen war. So schlug er sich mit Gelegenheitsjobs, meist beim Bau, durch und war deshalb stets knapp mit dem Geld.

Schon vom ersten Tag an bewunderte er die schönen Trommeln, die Christoph in Handarbeit herstellte. Er wünschte sich auch eine, und da er fast kein Geld hatte, bot er Christoph seine Hilfe in jeglicher Hinsicht an. Diesem war das sehr recht, da ich, als sein treuester Helfer, mich immer mehr von ihm abnabelte und viel Zeit mit Thomas aus Lübeck verbrachte.

Fritz war nicht damit einverstanden, dass Christoph eine Trommel für ihn baute, sondern er wollte mit seiner Anleitung möglichst viel selbst machen. Christoph war einverstanden und zeigte sich auch sehr geduldig mit ihm. So war Fritz also an Christophs Platz 2 – 3 Wochen lang fast nur mit seiner Trommel beschäftigt.

Seinen Schlafplatz hatte er in dessen unmittelbarer Nähe gewählt: Unten bei der Quelle gab es eine flache Höhle, in die man sich gerade hineinlegen und ausstrecken konnte; wir nannten sie die „Gebärmutter“. Dort ließ sich Fritz nieder. Der Weg dort hin war nicht ganz einfach, doch Fritz kam gut zurecht damit. Er war ja auch nicht wirklich ungeschickt, sondern nur etwas langsamer als wir, und das störte hier keinen.

Als das gemeinsame Werk, die Trommel, fertig war, nahm er sie voller Stolz an sich und deponierte sie gleich in seiner Höhle.

Nun war es so, dass wir fast alle eine Trommel besaßen. Sie waren alle in Christophs Stil, meist auch von ihm selbst gebaut. Wir trommelten auch alle recht gerne; doch erreichten wir dabei sehr schnell eine Grenze, über die wir nicht hinauskamen. Es fehlte uns der Unterricht, eine systematische Ausbildung in Rhythmuslehre, und so kam „nur“ ein Einheitsrhythmus mit einigen Varianten zustande. Franziskus spottete bei Festen darüber und nannte uns das „Taubstummen-Orchester von Soria“. Doch was soll’s; es machte trotzdem Spaß.

Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges: Fritz begann zu trommeln. Es klang ganz fürchterlich, so dass Christoph sich bemühte, ihm wenigstens einen Grundrhythmus beizubringen. Fritz übte und übte, und tatsächlich lernte er und entwickelte ein Gefühl für seine Trommel wie kein anderer. Er war der Einzige in Soria, der sich autodidaktisch, und das sogar noch ohne Lehrbuch, zum echten Trommler entwickelte. Er trommelte und trommelte; es klang jeden Tag besser, und voller Stolz genoss er die Bewunderung der Mitbewohner. Nun hatten wir außer Franziskus und Thorsten einen dritten Musiker bei uns, und er war der Einzige, der seine Kunst ohne systematischen Unterricht erlernt hatte.

Fritz war sehr häuslich, und so konnte jetzt auch Gerda öfters bei unseren Exkursionen teilnehmen, da er Haus und Höhle hütete und sich um alles kümmerte.

Nun geschah es, dass wir einen echten Sportler zu Gast hatten: Armin, der mit dem Fahrrad von Deutschland nach Spanien gefahren war und jetzt gerade die Insel „unsicher machte“. Er blieb für einige Tage, und so beschlossen wir, eine Exkursion bis zum Ende des Barrancos von Soria zu machen. Nach vielen, anstrengenden Stunden trafen wir kurz vor Ayacata auf eine Straße und stiegen noch weiter bergan, bis wir eine Reihe von Apfelplantagen erreichten.

Offensichtlich erntete sie niemand ab; die meisten Äpfel waren schon abgefallen. Da aber der ganze Boden mit Picon (löcherigem Vulkangestein) abgedeckt war, verfaulten die Äpfel nicht sofort, sondern lagen wochenlang herum und verschrumpelten langsam.

in Soria 1987

Später erfuhren wir von Einheimischen, dass es sich um ein Versuchsprojekt der kanarischen Regierung handelte; aber der Kunde nahm diese Äpfel angeblich nicht an, sondern bevorzugte weiterhin die gewohnten „Golden Delicious“ aus Neuseeland und die roten aus Chile. Der Grund war wohl, dass diese größer, und – da entsprechend chemisch behandelt – ohne die geringste Schorfstelle waren.

Wir kosteten sie und kamen zu dem Schluss, dass es die besten Äpfel waren, die es auf der Insel gab und obendrein noch kostenlos, einfach zum Mitnehmen. Nun, wir deckten uns ein, so viel wir im Rucksack tragen konnten und machten uns auf den Heimweg; doch diesmal trampten wir an der Straße.

In Soria erzählten wir gleich davon. Fritz, als er dies hörte, wollte sich sofort dorthin aufmachen. Wir beschrieben ihm den Weg. Und tatsächlich, am nächsten Morgen stand er da, nur mit Rucksack und Schlafsack, und machte Anstalten, allein aufzubrechen. Wir warnten ihn, dass der Weg zum Teil gefährlich sei, zumindest für einen alleine, und dass man an einer oder zwei Stellen sogar klettern müsse. Aber Fritz schlug alle Warnungen in den Wind und war einfach nicht zu halten.

Wir waren uns sicher, dass er nie ankommen würde und ließen ihn nur mit einem unguten Gefühl im Magen ziehen, mit der Hoffnung, er käme am gleichen Abend wieder zurück.

Es verging ein Tag, der zweite, der dritte; es war wieder Abend geworden, und immer noch keine Spur von Fritz. Da wurden wir echt unruhig: Es wird ihm doch nichts passiert sein?! Ist er womöglich abgestürzt und liegt irgendwo mit gebrochenem Fuß?

Am nächsten Morgen fragte Christoph im Dorf auf der anderen Seite, ob sie ihn gesehen oder von einem Unfall gehört hätten – nichts. So brachen Christoph und ich ins Barranco auf, um ihn zu suchen.

Wir waren schon auf der Höhe des Holzhauses angelangt, als wir jemanden pfeifend durchs Gebüsch daherkommen hörten. Es war tatsächlich Fritz, seinen Rucksack prall voll Äpfel und mit einem sichtlich gewachsenen Bauch. Er war mit einem Riesen-Kohldampf am zweiten Tag bei den Plantagen angekommen, hatte sich dort regelrecht vollgefressen und auch die nächsten Tage nur von Äpfeln und Mandeln ernährt, die er unterwegs fand. Es ging ihm gut, und er war bei bester Laune.

Nun, diese Begebenheit ist der beste Beweis, dass Schnelligkeit in unserer Gesellschaft völlig über­bewertet wird, und dass Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit der Schlüssel zum Erfolg sind. Der „alte Fritz“, wie wir ihn liebevoll nannten, war das lebende Beispiel dafür.

Zurückgekommen, griff er voller Freude nach seiner Trommel und trommelte die halbe Nacht.

In den nächsten Tagen suchte er immer mehr den Kontakt zu Jörg, der ja ein ganzes Stück oberhalb von uns wohnte. Nach einiger Zeit verkündete er seinen Entschluss, nach oben zu ziehen. Wir waren erstaunt und fragten ihn auch sogleich, wohin denn? Es gab da in der Nähe des Wassers, das Jörg in einem großen Becken aufgestaut hatte, eine schöne Höhle, die allerdings nach außen völlig offen war. Um es sich dort wohnlich zu machen, war eine Menge Arbeit notwendig; doch Fritz meinte nur, Jörg hätte ihm zugesagt, ihm dabei zu helfen, und so geschah es dann tatsächlich.

Die nächsten Wochen schleppten Fritz und Jörg eine ganze Menge Agavenstangen durch den Kamin nach oben. Außerdem holten sie eine Unmenge von Chania-Stangen aus dem Barranco. Nach einem Monat war ein wunderschöner, stabiler Vorbau mit einer Tür entstanden, sowie etliche Regale im Innern der Höhle. Da soll noch einer sagen, der „alte Fritz“ tauge zu nichts! Noch 15 Jahre danach, als ich zum letzten Mal dort vorbeikam, waren diese Einrichtungen vorhanden.

Durch seinen neuen Wohnort hatte Fritz, zusammen mit Jörg, den mit Abstand weitesten Weg zum Einkaufen – ausgerechnet Fritz, der als so langsam galt. Er kam gut damit zurecht und war mit der Zeit behände wie eine Bergziege geworden.

Doch auch die beiden wurden von dem in Soria grassierenden „Frauenleiden“ erfasst.

Jörg verliebte sich in eine Griechin, die mit einem Österreicher liiert war. Die beiden hatten eine kurze Zeit bei uns geweilt. Obwohl der Mann sie schlecht behandelte, war es von vornherein klar, dass Jörg keine Chance hatte. Trotzdem bemühte er sich hartnäckig um sie. Ihr Freund machte sich nur lustig über ihn und demütigte ihn.

Irgendwann drehte Jörg völlig durch. Er aß fast nichts mehr, lief 14 Tage zu Fuß durch die Berge und verschwand dann plötzlich. So war Fritz allein. Nach einiger Zeit bekam auch er Sehnsucht nach der Heimat, insbesondere nach der holden Weiblichkeit, und brach Richtung Deutschland auf.

Nirgendwo ist mir so klar geworden, wie abhängig Männer von Frauen sind. Denn während meiner Zeit in Soria und auch noch danach, als ich nur noch als regelmäßiger Besucher kam, habe ich nicht einen einzigen Fall eines Mannes kennen gelernt, der es länger als 1 ½ Jahre ohne Frau aushielt, die meisten noch viel weniger. Auch der friedlichste und sanfteste drehte plötzlich über Nacht durch; einige zerstörten wieder alles, was sie mühsam aufgebaut hatten; andere ließen von einer Minute auf die andere alles stehen und liegen und verschwanden spurlos; und wieder andere begannen zu trinken und sich mit Gott und der Welt anzulegen. Keiner, auch ich nicht, schaffte es, dieser gewaltigen Spannung länger als 1 ½ Jahre standzuhalten.

Doch zurück zu Fritz und Jörg; beiden sollte ich wieder begegnen, dem Letzteren sogar noch mehrere Male.

Es waren einige Jahre vergangen, und ich weilte gerade wieder einmal zu Besuch in Soria.

Da hörte ich, dass der „alte Fritz“ wieder da sei. Ich sah ihn auch kurz und begrüßte ihn; er erzählte, dass es ihm gut ginge, ja, dass er sogar eine Partnerin in Deutschland gefunden habe.

Doch irgendwie kam er mir verändert vor. Ihm fehlte die stoische Ruhe und Gelassenheit, die er einst ausgestrahlt hatte. Mir schien, als hätte auch ihn die Hektik der Leistungsgesellschaft erfasst und habe ihn unstet und ruhelos gemacht. Vielleicht habe ich mich auch getäuscht: War es nur das Anfangs­stadium seines erneuten Bleibens in Soria? Aber warum ist er allein zurückgekommen, ohne seine Freundin, und, vor allem, ohne seine Trommel?

Ich werde es nie mehr erfahren; denn als ich das nächste Mal nach Soria kam, hörte ich zu meiner Bestürzung, dass Fritz in der Zwischenzeit tödlich verunglückt war. Ich war geschockt und wollte die genauen Umstände hören. Christoph erzählte sie mir, sichtlich betroffen:

„Wir waren noch am Spätnachmittag zusammen bei Pedro gewesen und hatten 2 – 3 Bierchen getrunken. Es dämmerte bereits, und ich drängte zum Aufbruch. Ich ging voraus, da ich noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein wollte, blickte aber hin und wieder zurück, nach Fritz. Am Staudamm sah ich ihn noch. Dann stieg ich die wacklige Treppe hinab und schlug den Ziegenpfad Richtung Heimat ein. Ich war schon ein gutes Stück voraus geeilt und erreichte gerade das Teilstück, von dem ab es steil nach oben geht und der ganze Weg zurück gut überblickt werden kann; keine Spur von Fritz! Plötzlich bekam ich ein ungutes Gefühl im Magen: Es wird ihm doch nichts passiert sein? Ich wartete eine Weile; dann lief ich zurück.

Ich fand Fritz, am Fuße der Treppe liegend, mit einer blutenden Wunde am Kopf. Er war halb ohnmächtig und gab stöhnende Laute von sich. Schwer beunruhigt rannte ich zu Pedro zurück und berichtete von dem Unfall. Sie riefen auch sofort das rote Kreuz von Arguineguin an.

Ich wartete und wartete. Schließlich wurde ich ungeduldig und lief zum Unglücksort zurück. Fritz lag immer noch regungslos da, unterdessen in einer kleinen Blutlache. Er war bewusstlos geworden, doch sein Herz schlug. Nach endloser Zeit kam der Krankenwagen. Sie luden ihn ein und fuhren ihn nach Las Palmas, wo er drei Tage später starb. Die Diagnose lautete auf „innere und äußere Kopfverletzungen“.

Ich hatte vorsorglich Fritz’ Rucksack an mich genommen und fand darin ein Notizbuch mit der Adresse von seiner Freundin. Ich schrieb sie an, und irgendwann war sie auch kurz da und holte seine Sachen ab.“

Christoph hatte wahrlich starke Schuldgefühle, da er Fritz so zur Eile gedrängt hatte. Obendrein haderte er mit der Tatsache, dass der unsichtbare Schutz, der auf diesem magischen Ort liegt, zum ersten Mal versagt hat.


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