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Foto: pixelio.de
Die Machtergreifung

Schon vor längerer Zeit war ich zu Besuch bei alten Freunden, Arnold und Sabine mit Namen. Sie wohnten idyllisch in ländlicher Gegend, nahe am Waldrand. Der Platz war so abgelegen, dass ich extra ein Auto mieten musste, denn ein eigenes besaß ich nicht, um dorthin zu gelangen.

Ich wurde herzlichst begrüßt, und nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Biskuitkuchen zeigte mir der Hausherr sein Reich. Es handelte sich um ein altes Bauernhaus und einem Stück Land mit kleinen Weiher am Waldrand. Das Haus war in gutem Zustand, gerade erst renoviert und bestand aus sieben Zimmern und einer gemütlichen Stube mit Kachelofen.

„Was macht ihr mit so vielen Zimmern?“

„Wir haben ein gemeinsames großes Schlafzimmer, je einen Raum für jeden von uns, um uns zurückziehen zu können, wenn wir allein sein wollen, mein Büro, einen Lagerraum und die letzten zwei Zimmer wollen wir als Kinderzimmer einrichten für unseren Nachwuchs.“

„Ach, sag bloß, Sabine ist schwanger?“

Sie kam herein und hatte dabei gerade noch die letzten Worte aufgeschnappt.

„Ja, im Oktober ist es soweit, unser erstes, aber wir wollen noch mindestens ein weiteres, denn es ist nicht gut, als Einzelkind aufzuwachsen.“

Ich, als alter Junggeselle, konnte die beiden nur um ihren schönen Platz und ihr Familienglück beneiden.

Als ich schon am Gehen war und gerade meinen Mantel anzog, huschten zwei kleine Lebe­wesen den Flur entlang.

„Was war denn das?“

„Unsere zwei Hausratten, Lea und Carlos,“ antwortete Sabine.

„Ach ja, du bist die Frau aus unserer Clique gewesen, die als einzige keine Angst vor Tieren jeglicher Art hatte, auch nicht vor Mäusen und Spinnen.“

„Richtig, ich sehe alle Lebewesen als Geschöpfe Gottes; und schau sie dir doch einmal vorurteilsfrei an, unsere zwei putzigen kleinen Tierchen.“

Sie sahen tatsächlich niedlich aus und waren völlig zahm. Angst vor Menschen hatten sie überhaupt nicht, nicht einmal vor einem wie mir, den sie gar nicht kannten. Sabine hatte sie mit einem Käsestückchen angelockt, und sie waren auch sofort zutraulich angelaufen gekommen. Sie nahm erst Lea und dann Carlos in ihre Hände und streichelte sie, während sie von beiden beschnuppert wurde.

Ich verabschiedete mich und machte mich mit besten Wünschen auf den Heimweg.

Die Beiden sind zweifellos sehr ungewöhnliche Menschen und passen als solche gut in diese Umgebung. Allerdings ihre Rattenliebe? Geht das nicht etwas zu weit? Ratten sind doch Krank­heitsüberträger, und wenn später einmal ihre Kinder mit ihnen spielen, und das werden sie sicherlich bei diesen Eltern, können sie sich wer weiß was holen. Sind meine Befür­chtungen übertrieben oder etwa nicht?

 Anfang November machte ich mich wieder auf den Weg, um die Beiden zu besuchen. Da sie kein Telefon hatten und ein solches auch gar nicht in ihre Lebensauffassung gepasst hätte, kündigte ich mein Kommen mit einer Postkarte an. Seltsamerweise war keine Antwort gekommen.

„Hoffentlich ist es ihnen recht, wenn ich so kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes komme. Unsinn! Arnold und Sabine waren immer schon sehr gastfreundlich und freuten sich über jeden, der sie besuchte. Und jetzt, abgelegen wie sie leben, kommt es sicher nicht so häufig vor, dass sie Besuch erhalten.“

Je näher ich kam, umso deutlicher spürte ich, dass irgendetwas nicht stimmte, dass etwas anders war, als bei meinem ersten Besuch.

Das Haus lag in völliger Totenstille da. Plötzlich spürte ich eine starke Hemmung, mich ihm zu nähern, geschweige denn, es zu betreten. So ging ich erst einmal im Garten umher, in der Hoffnung, von den Hausleuten bemerkt und freundlich begrüßt zu werden. Doch nichts davon geschah. Der rauchende Kamin war das einzige Lebenszeichen, welches ich bemerkte.

Der beim letzten Mal noch so vorbildlich gepflegte Garten kam mir völlig vernachlässigt vor. Unmengen an Blättern moderten auf dem Rasen vor sich hin, und die Beete waren nicht für den Winter bereitet. Die Tomaten- und Bohnenpflanzen, längst von Mehltau und Mosaik­krankheit schwerst befallen, standen einsam in der Landschaft.

„Merkwürdig, höchst merkwürdig! Es wird doch nichts Schlimmes passiert sein?“

Zögernd näherte ich mich wieder dem Haus, nahm allen meinen Mut zusammen und läutete.

Nach einer Weile kam Arnold und öffnete. Er sah blass und überarbeitet aus.

„Hallo Arnold, geht es dir nicht gut?“

„Doch, es ist schon okay. Sabine hat ihr Kind verloren, aber das ist auch schon wieder vier Monate her. Und ich arbeite jetzt in der nächsten Stadt. Geldmangel, du verstehst schon?“

Ich verstand gar nichts, denn ich wusste, dass Sabine eine große Erbschaft gemacht hatte, von der sie sich das Haus gekauft hatten. Doch laut ihren Erzählungen war trotzdem noch so viel übrig geblieben, dass sie noch viele Jahre hier sorgenfrei leben konnten. Außerdem bauten sie selbst an, hatten Mengen an Obst und Gemüse, welches Sabine in großen Gläsern einmachte und im Keller lagerte. Sie produzierten so viel davon, dass sie sogar einen großen Teil davon verkaufen oder gegen Hilfeleistungen eintauschen konnten. Also, was war wirklich geschehen?

„Setze dich schon einmal in die gute Stube. Ich komme gleich wieder, muss nur nach Sabine und dem Essen schauen.“

Mir fehlte die innere Ruhe zum Hinsetzen und so streifte ich ein wenig durch das Haus.

„Hinter dieser Tür sollte doch eines der geplanten Kinderzimmer sein. Doch was war da für ein seltsames Geraschel?“

Vorsichtig öffnete ich die Türe und erschrak schier zu Tode. Mindestens zwei Dutzend Ratten tummelten sich darin. Schnell schloss ich sie wieder und ging zurück.

Sabine und Arnold führten in der Küche ein erregtes Gespräch; ich wollte nicht neugierig sein, bekam aber dennoch einige Gesprächsfetzen mit. Es ging um die Unmengen von Essen, welche sie jeden Tag kochte, und dass er dies nicht mehr länger hinnehmen wollte. Vorsichtig lugte ich in die Küche und sah Sabine vor einem Riesentopf stehen und kräftig darin rühren.

„Mein Gott, wie blass und verhärmt sie aussieht.“

Wir hatten uns noch gar nicht begrüßt, und so trat ich ein.

„Hallo Sabine, wie geht es dir denn? Ich habe gehört, dass aus eurem ersten Kind nichts geworden ist. Mein herzliches Beileid, aber ihr seid ja noch jung......“

Sie hörte mir gar nicht zu, sondern rührte schwitzend weiter.

„Hallo Sabine, was hast du vor; für wen kochst du denn diese Unmengen?“

„Für Carlos und seine große Familie.“

„Für wen?“ Ich war fassungslos.

„Da wir schon keine Eltern geworden sind, muss ich ihn und Lea unterstützen. Sie sind im Gegensatz zu uns ein sehr fruchtbares Paar.“

Mir blieben die Worte im Hals stecken.

„Das kann doch nicht wahr sein. Die beiden kochen für Ratten.“

Und tatsächlich, keiner der beiden fand Ruhe und Muße, sich mit mir hinzusetzen und ein wenig zu plaudern. Ich konnte nicht fassen, was aus den beiden geworden war.

„Jeder normale Mensch hätte diese Biester längst umgebracht oder vergiftet. Und sie bekochen und umsorgen sie, als wären es ihre eigenen Kinder. Das ist einfach unglaublich!“

Ich startete einen zweiten Versuch und ging wieder in die Küche, wo Arnold auf einem Brett frische Kräuter schnitt.

„Sind die auch für....?“

„Natürlich, es soll ihnen gut gehen; Lea erwartet schon wieder Nachwuchs und braucht gutes Essen.“

Essen? Hatte er wirklich Essen gesagt? Ich dachte, ich hätte nicht richtig gehört; er sprach im Zusammenhang mit Ratten von Essen.

Da konnte ich ein ärgerliches Schnaufen und Räuspern nicht mehr zurückhalten.

„Meinst du nicht, dass ihr eure Tierliebe übertreibt?“

„Nein, das verstehst du nicht. Carlos und seine Familie sind die Einzigen, welche täglich um uns sind. Sie brauchen uns, und das sind wir ihnen als gute Freunde schuldig.“

Da kam ich mit meinem Verständnis wirklich nicht mehr mit. In meinen Augen waren sie verrückt geworden; vielleicht hatten sie die Einsamkeit des Ortes nicht mehr ertragen, oder es lag ein seltsamer Fluch auf diesem Platz. Zum Teufel, ich hatte keine Lust, noch länger zu bleiben und ging ohne Abschied. Es kam auch niemand hinter mir her, als ich umständlich und lautstark das Auto startete und langsam davonfuhr.

Doch die Geschichte ließ mir keine Ruhe. So kam es, dass ich Anfang  Mai wieder auftauchte.

Mein Gott, wie es da aussah! Im Garten war alles weggefressen und nichts Neues mehr angebaut. Überall wimmelte es von Ratten, aus dem Kamin quoll dicker Rauch, und ich hörte die erregten Stimmen der Beiden. Zögernd näherte ich mich der Haustüre und wollte gerade läuten. Da schoss eine Ratte mit funkelnden Augen auf mich zu und biss mich durchs Hosenbein.

Ich kehrte um, ging zum Auto zurück und verließ diesen unglückseligen Ort für immer.

Es war geschehen, was ich längst befürchtet hatte: Die Ratten hatten die Macht übernommen und duldeten Menschen, wie mich, die es wagten, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren, nicht mehr an ihrem Platz.

 


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