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Foto: pixelio.de

Ein Tag ohne BILD

1968 war ich gerade in meinem zweiten Lehrjahr als Kellner in einem Weinlokal in München beschäftigt. Politik hatte mich bisher nur am Rande interessiert, doch in den letzten zwei Jahren hatte sich in Deutschland einiges geändert. Politik war nicht mehr nur todernst sondern auch lustig geworden, es gab „Happenings“ auf der Straße und im Englischen Garten. Junge Menschen, zum Großteil Studenten, saßen im Freien zusammen, einige musizierten, andere rezitierten selbstverfasste Texte mit politischem Inhalt und riefen zu Aktionen auf. Ziel war, die verkrusteten Strukturen der Gesellschaft aufzubrechen.

Eines Tages ging ich gerade durch Schwabing, als Fritz Teufel, der Politclown der 68-Szene, mit 15 Begleitern johlend aus dem Cafe Luitpold (dem Treffpunkt der Neureichen) kam. Sie hatten dort als Gruppe Kaffee getrunken und sich etliche Stück Kuchen einverleibt, ohne zu bezahlen, bzw. die Geschäftsleitung hatte nicht gewagt, auf der Begleichung der offenen Rechnung zu bestehen, denn vor kurzem war Fritz auf der 1.Seite der Boulevardpresse Münchens abgebildet worden, wie er gerade an einem Kuchenbüffet eine Tortenschlacht inszenierte. Eine Sponti-Aktion nannte sich dies damals.

Ich selbst hätte mir nicht getraut, an so einer Aktion teilzunehmen.

Der Gründonnerstag des Jahres 1968 veränderte die Welt, nicht nur in München: Ein einfacher Arbeiter hatte drei Schüsse auf den charismatischen Studentenführer Rudi Dutschke in Berlin abgegeben. Das Bild, wie dieser durch die Kopfschüsse schwer verletzt in einer Blutlache lag, ging durch die Massenmedien, noch mehr aber, was danach geschah. Der Attentäter blieb seelenruhig stehen, bis die Polizei kam und erwartete statt einer Verhaftung die Verleihung eines Ordens, da er den „Staatsfeind Nr.1 der BRD“ liquidiert hätte!

 

Unter dieser Unterschrift war kurz zuvor ein Artikel auf der ersten Seite der Bildzeitung erschienen. Dutschke wurde darin als „gefährliches, staatszersetzendes Element bezeichnet, der von der DDR und Russland bezahlt würde“ (dies natürlich mit Fragezeichen, um nicht belangt werden zu können), um die Jugend Westdeutschlands zu verführen und das ganze Land in Aufruhr zu stürzen. Der Attentäter berief sich auf diesen Artikel und konnte nicht verstehen, dass er nicht als Held gefeiert wurde.

Dieses Ereignis bewegte mich, zum ersten Mal am jährlich stattfindenden Ostermarsch in München teilzunehmen. Es waren so viele Teilnehmer gekommen wie nie zuvor. Das Hauptthema der Kundgebungen war natürlich das Attentat und die Folgen, nämlich dass Dutschke, selbst wenn er überleben sollte, nie mehr der Alte wäre  und in diesem Zusammen-hang die Rolle des Axel Springer Verlags, bei dem die Bildzeitung erschien.

Während des friedlich gebliebenen Umzugs geisterte die Idee einer Belagerung des Verlagsgebäudes  unter dem Motto „München – einen Tag ohne BILD“ Welch eine Vor-stellung: Den morgige Tag bleiben die Bildzeitungskästen und die Fächer der BILD in den Zeitschriftenhandlungen und – kiosken leer! Der Zeitpunkt des Beginns der Belagerung in Form von Sitzblockaden sollte um 20 Uhr sein.

 Der Ostermarsch war vorbei und ich ging erst einmal nach Hause um mich zu stärken.

Um 19.30 Uhr erreichte ich die Hauptausfahrt des Gebäudekomplexes an der Ecke Barer/ Schellingstraße. Überall waren alte Autoreifen, Möbel und sonstiges Gerümpel mitten auf der Straße aufgehäuft; auch sah ich am Eingang der gegenüberliegenden Parkanlage einen großen Haufen aufgeschichteter Pflastersteine, was mich zum Zögern veranlasste, denn in eine gewalttätige Straßenschlacht wollte ich nicht verwickelt werden.

Jeglicher Verkehr war längst zum Erliegen gekommen. Doch die am Weiterfahren gehin-derten Autofahrer reagierten nicht aggressiv, sondern reihten sich zum Großteil in die Reihen der Passanten ein, die das Geschehen neugierig verfolgten.

Direkt vor der Ausfahrt saßen bereits ca. 150 junge Leute und skandierten Parolen gegen BILD und den Axel Springer Verlag.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Einsatzwagen der Polizei anrollten und per Megaphon die erste Aufforderung kam, den Platz sofort zu räumen.

Die Sitzenden hakten sich mit den Ellenbogen unter und forderten die Umstehenden auf, es ihnen gleich zu tun.

„Mann, macht’s doch mit! BILD hat das Attentat auf Rudi provoziert und soll jetzt unsere Reaktion spüren! Wenn wir alle zusammen halten, haben die keine Chance, die morgige Ausgabe der BILD auszuliefern!“

Diese Art von gewaltlosem Widerstand gefiel mir und ich setzte ich mich dazu. Die Reaktion der anderen Sitzenden freute mich; endlich wurde ich von den Studenten als einer der Ihren angesehen; ja, ich bekam sogar echtes Lob als Nichtakademiker für meine mutige Tat.

Da öffnete sich plötzlich das große Tor des Axel Springer Verlags; wir sahen eine Armada von großen Fahrzeugen, bereit zur Auslieferung der neuesten Ausgabe von BILD. Ein Teil der Fahrer ließen den Motor ihres Fahrzeugs aufheulen, andere standen daneben bei laufenden Motor.

Da kam die zweite Aufforderung der Polizei, den Platz zu verlassen. Die Antwort waren Parolen gegen die Bildzeitung und den Axel Springer Verlag: „BILD schoss mit. Einen Tag ohne BILD!“

Mit Drohgebärden kamen jetzt drei Fahrer der Bildzeitung auf uns zu:

„Haut‘s ab, aber dalli; sonst fahren wir euch über den Haufen!“

Als dies nichts half, fuhr doch tatsächlich einer mit Karacho auf die Sitzenden zu. Die erwartete Panik blieb aus. Wütend hielt der Fahrer mit quietschenden Reifen in letzter Sekunde an und wollte sich auf die ganz vorne Sitzenden stürzen. Die Anderen hielten ihn jedoch zurück und redeten energisch auf ihn ein.

Das Tor ging wieder zu und wir jubelten. Auf einmal wurden uns Getränke und Sandwiches von Passanten gereicht, zum Großteil Spenden der umliegenden Geschäfte. Überhaupt gab es während der ganzen Aktion keine negativen Reaktionen der Bevölkerung; im Gegenteil wir bekamen viel Lob und Zustimmung.

Da kam die dritte Aufforderung der Polizei, und schon ging es los:

Eine Hundertschaft schlug zwei Breschen, rechts und links zwischen den Sitzenden und schloss den Kreis genau um die Gruppe um mich herum. Wir, ca. 30 Leute, waren gefangen!

Je drei Beamte zogen jeden Demonstranten einzeln aus dem Kreis und schleppten ihn durch den Fussgängereingang auf das Verlagsgelände. Alles aneinander Klammern half nichts mehr; wir wurden einzeln nach innen gebracht und landeten schließlich in den Dusch- und Toilettenräumen des Verlags.

Die ersten begannen ihre Adressen und Telefonnummern auszutauschen und mir wurde schlagartig klar, was geschehen war. Die Polizei hatte sich die wichtigsten Leute des SDS, (Sozialistischer Stundentenbund Deutschland) die zusammen saßen, herausgegriffen; ich war nur dabei, weil ich zufällig neben ihnen saß.

Von draußen drangen erboste Schreie und Protestrufe; es kamen schon bald die nächsten „Opfer“, etliche davon völlig von Wasser durchnäßt und mit Hautabschürfungen, aber trotzdem mit einem triumphierenden Glänzen in den Augen.

„Euch zu verhaften war ein Kardinalfehler! Der ganze Vorplatz, bis in den Park und auch die Ecke Barer/Schellingstraße ist jetzt voller sitzender Demonstranten. Tausende von Leuten! Die können sie nicht alle verhaften und für jeden Verhafteten setzen sich Zehn weitere hin!“

Wir stimmten das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ an und riefen Parolen wie „München ohne BILD“ und „Nieder mit Axel Springer“.

Es war längst Nacht geworden, doch der Widerstand auf der Straße ließ offensichtlich nicht nach. Immer wieder wurden Verhaftete gebracht, doch es hatte sich etwas verändert. Jetzt kamen Demonstranten mit Panik in den Augen und blutenden Verletzungen.

„Da draußen geht es zu wie im Krieg! Die „Bullen“ prügeln mit Schlagstöcken auf die Sitzenden ein; ein Großteil der Demonstranten ist in den Park geflüchtet und stell dir vor, ich habe gesehen, wie „Bullen“ Pflastersteine in den Park geworfen haben, ohne Rücksicht auf Verluste!“

„Und die Demonstranten?

„Ich habe keinen gesehen, der Steine auf die Polizei warf, im Gegenteil, die Studenten sind von Angst erfüllt, verfolgt und brutal verprügelt zu werden!“

 Wir waren unterdessen auf 101 Verhaftete angewachsen und es war anscheinend vor dem Verlagsgebäude ruhig geworden, zumindest hörten wir keine Schreie und Parolen mehr.

In der kleinen Sanitäranlage, in der wir eingesperrt waren, war es eng und stickig geworden. So waren wir froh, als unser Abtransport um 4 Uhr morgens begann. Wir waren guter Dinge und sangen wieder einmal aus vollem Hals „So ein Tag, so wunderschön wie heute“

In vier großen Bussen wurden wir nach Stadelheim gebracht und dort erkennungsdienstlich behandelt. Auf so eine große Anzahl von Gefangenen waren sie gar nicht vorbereitet, so dass die Freilassung schon ab 7.30 Uhr begann.

 Auf dem Rückweg nach München feierten wir den Anblick der leeren Bildzeitungskästen. Wir hatten tatsächlich unser Ziel erreicht: „München einen Tag ohne BILD !“

Trotz einer empfindlichen Geldstrafe bin ich bis heute stolz, bei dieser Aktion dabei gewesen zu sein!

 Die Schlagzeile am darauf folgenden Tag in der Bildzeitung (sinngemäß, den genauen Wortlaut weiss ich nicht mehr):

„2 Tote durch Steinwürfe – jetzt reicht es! Münchner Studenten lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei!“

 

 

 


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