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Vision Quest

Seit Jahren weiß ich schon davon, schließlich bin ich ja Abonnent der „Connection“ und mache mir die ganze Zeit Gedanken, wann und mit wem ich eine solche durchführen könnte.

Was unter Vision Quest überhaupt zu verstehen ist? Nur ganz kurz: Es geht um einen drei- bis viertägigen Aufenthalt allein und nur Wasser trinkend in der Wildnis verbunden mit der Suche nach seiner Lebensvision Ich finde, genauere Infos kann sich jeder selbst aus Büchern oder aus dem Internet holen. Mir war auch von Anfang nicht die Frage, ob Ja oder Nein, wichtig und an Motivation fehlte es mir auch nicht. Ich, ein vaterlos aufgewachsenes Kind, hatte mein ganzes Leben große Ideale und Ideen, doch in der Realität konnte ich sie nur in Ansätzen umsetzen. Mir fehlt es wohl hauptsächlich an Durchsetzungsvermögen und entsprechend selbstsicherem Auftreten, alles typische männliche Attribute. Deshalb die Frage: bin ich überhaupt ein „richtiger“ Mann? Leider kann ich bis heute diese Frage nicht mit einem klaren „Ja“ beantworten. Früher wurden die heran­wachsenden Jungen, und zwar in allen Kulturen,  in einem bestimmten Alter mittels eines Rituals initiiert und dann offiziell in den Kreis der erwachsenen Männer aufgenommen. Vielleicht ist es gerade das, was heutzutage mir und vielen anderen Männern auch fehlt, deshalb mein Traum von einer Vision Quest.

 

Die offiziell angebotenen Vision Quests kosten einiges an Geld; ob sie es wert sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen, doch mit meinem chronischen Geldmangel war es mir eh zuviel. Man kann eine Vision Quest auch alleine machen, allerdings eine „männliche Hebamme“­ ist schon notwendig, die einen in der Vorbereitungsphase begleitet, zur „Schwelle    der Wildnis“ bringt und wieder dort abholt. Den Weg zum gewählten Platz muss jeder alleine gehen und auch die Vision Quest muss der Quester alleine durchführen.

Vor drei Jahren trat ich einer Männergruppe bei, die sich gerade gründete. Von Anfang an war die von mir so heiß ersehnte Vision Quest eines meiner wichtigsten Themen. Doch die anderen zogen nicht so richtig mit. Endlich, Anfang dieses Jahres erklärte sich einer in der Gruppe bereit, mitzumachen. Wir suchten lange nach einem Termin, warteten auf den Sommer, der nicht kommen wollte, dann kam die Urlaubszeit und ich sah meinen Traum schon dahinschwinden.

So brachte ich, schon leicht angesäuert, das Thema zum x-ten Mal in die Gruppe ein.

„Merkst du nicht, dass du uns dein Thema aufzwingen willst. Für niemand außer dich, hat dieses Thema so eine Brisanz. Dann mach doch endlich deine Vision Quest und warte nicht, das noch ein anderer von uns mitkommt. Wenn es dir wirklich so wichtig ist, dann tue es doch endlich.“

Etwas verblüfft über die so heftige Reaktion, saß ich etwas verunsichert da; da geschah ein „Wunder“ Michael, der als einziger schon Erfahrung  als Quester hat, bot mir seinen Dienst als Hebamme an und nicht nur so unverbindlich, sondern mit einem Termin, sobald als möglich. Er war so außergewöhnlich flexibel, weil er gerade Urlaub hatte und nicht die Absicht, wegzufahren. 

 Erste Aufgabe: Suche nach einem geeigneten Platz.

Ich bin gerade mit dem Fahrrad im Freisinger Forst unterwegs, dem größten zusammen­hängenden Waldgebiet dieses Landkreises. Mir war noch nie klar geworden, wie groß dieses Gebiet ist und noch weniger, was es bedeutet, wenn ein solches Waldgebiet von einer Autobahn oder auch nur Bundesstraße durchschnitten wird. Das letztere reicht schon vollauf und so etwas ist hier der Fall: Die Bundesstraße von Freising nach Allershausen. Es herrscht wirklich keine Minute Ruhe, egal, ob Tag oder Nacht. Ein ewige, nicht endende Geräuschkulisse, die ohne bewusstes Hinhören schon gar nicht mehr auffällt. Ich bin mit meinem Fahrrad über 30km kreuz und quer über Wald - und Forststraßen dahingefahren, es gab kein Entrinnen, noch in 10km Entfernung, war die Straße zu hören. Doch dies war nicht die einzige Lärmbelästigung. Die andere Plage waren die Flugzeuge. Ich wusste gar nicht, dass so viele permanent unterwegs sind. Ich zählte 8 – 10 in der Stunde. Der Lärm, den sie verursachten, war noch lauter, als der  von der Straße, dafür aber keine Dauerbeschallung, sondern ein ewiges Auf- und Abdrönen.

„Scheiß Zivilisation; ich wollte ihr doch wenigstens für 3Tage und Nächte entrinnen und dann so etwas. Heutzutage muss man schon lange suchen, wenn man seine Ruhe will.

Unterdessen war es glühend heiß geworden und ich fühlte mich genervt. Ich kniff die Augen zusammen und sah das glitzernde Band, welches sich einer Schlange gleich durch den Wald zog. Jede, in der Sonne glitzernde Blechkiste führte zu einem Aufbäumen dieser bösartigen Natter, die triumphierend züngelte:

„ Ich bin es, die Schlange der Zivilisation und ich bin überall. Du wirst mich nicht los, nicht heute, nicht morgen und nirgendwo! Alle schönen Landschaften eures blauen Planeten werde ich zerschneiden und damit Hast und Unruhe zu allen Lebewesen bringen. Und ihr eingebildeten arroganten Halbgötter, die ihr euch über allem erhaben fühlt, verschlingen werde ich euch mit Haut und Haar, egal ob Mann oder Frau, groß oder klein, gelb, schwarz, rot oder weiß. Ob du es glaubst oder nicht, es wird geschehen und sogar noch viel schneller als ihr es in euren schlimmsten Alpträumen erahnt“

Frustriert radelte ich nach Hause. „Ich brauche einen anderen Platz, im Bayerischen Wald oder sogar in Österreich, der nicht so dicht besiedelt ist.“

Michael, der mir beim letzten  Treffen unserer Männergruppe so spontan zugesagt hatte, weiß nicht, was er sich damit aufgehalst hat. Er hatte mir das Buch „Vision Quest“ von Silvia Koch-Weser/ Geseko von Lüpke zum Lesen gegeben und daraus konnte ich entnehmen, wie umfangreich seine Arbeit sein würde: Ein langes intensives Beratungsgespräch, um meine Motive für die Vision Quest herauszuarbeiten, dann die erste Fahrt zu dem von mir gewählten Platz mit den Wasservorräten und der großen Plane als Regenschutz. Dann die Begleitung zum eigentlich Beginn mit all meinem Gepäck, das Abschiedsritual für den Weg in die Einsamkeit und nach 3 Tagen das Abholen, für welches er einen festliche Rahmen gestalten musste.

Ganz schöner Aufwand für drei Tage und die nicht einmal wirklich in der Einsamkeit, weil es eine solche in Deutschland nicht mehr gibt und wenn wirklich noch, dann nur mit mehr­tägigem Fußmarsch in die alpine Beregwelt zu erreichen. Und dann all das überlebens­notwendige Gepäck.

Wie wohl die Indianer, die Aborigenes oder um näher bei unserer Kultur zu bleiben, unsere Vorfahren, die Germanen, diese Probleme gelöst haben? Sie gingen einfach los, nur mit dem, was sie am Leibe trugen und das war meist, wenn überhaupt, nur ein Lendenschurz.

„Oh wie degeneriert sind wir geworden“

„Mach es doch auch so!“

„Verdursten und erfrieren würde ich und das mitten im Sommer.“

 Verärgert lies ich erst einmal zwei Tage verstreichen, bis ich wieder aufbrach:

„Es wäre doch gelacht, wenn ich schon beim ersten Schritt zur Vision Quest den Schwanz einziehen würde. Herausforderungen sind ja bekanntlich dazu da, um überwunden zu wer­den!“

Diesmal fuhr ich in den Kranzberger Forst, wo ich mich besser auskenne und es, wenn ich mich richtig zurückerinnere, ruhiger ist. Irrtum, auch dort ein permanenter Geräuschpegel und die bösen metallenen, silberglänzenden Vögel gibt es da auch.

„Stell dich nicht so an“, ermunterte ich mich selbst. „Die Welt wird sich nicht verändern, nur weil du eine Vision Quest durchführen willst. Nimm die Dinge wie sie sind, mach das Beste daraus und öffne dich, anstatt zu jammern, der Höheren Energie und lass dich zu deinem Platz leiten.“

Ich fuhr am Waldrand an großen Maisfeldern vorbei, da sah ich einen halb zugewachsenen kleinen Pfad. Ich folgte ihm zu Fuß. Nach einem kurzen Stück schon wurde es matschig und ich brach nach rechts aus in einen kleinen Laubwald, durchwachsen von stacheligen Brombeerranken. Dahinter ein Stück Fichtenwald und noch weiter sogar reinste, pure Natur. Überall lagen Äste mit Fichtennadeln herum, sogar halbvermoderte, ganze Baumstümpfe. Ich zog an einem und konnte ihn ohne Mühe der Erde entreißen. Ein echter, kleiner Urwald. Da kommt bestimmt keiner hin und stört mich.

Ein kleiner Platz, von vier Bäumen umgeben, zog mich magisch an. Die Bäume bildeten ein Karree, ideal um meine Schutzplane anzubringen, also nichts wie hin! Ich säuberte mein zukünftiges Dreitagezuhause von abgebrochenen Ästen und Unebenheiten und schuf mit umgestürzten Baumstämmen einen abgesteckten Platz. Als besonderes Wieder­erken­nungs­merkmal lehnte ich eine langen Baumstamm schräg an meinen provisorischen Kultplatz.

„Na also. Lief doch wie geschmiert. Ich muss mich nur öffnen und bereit sein für die Stimme meiner Intuition. Und obendrein, verzapf nicht so einen Unsinn von wegen permanenten, störenden Geräuschpegel, fehlender Ruhe und böser Zivilisation. Sei froh, dass du hier lebst und nicht in der Sahara oder in Afghanistan!“

Mit mir und der Welt wieder im Reinen, gönnte ich mir einen freien Nachmittag am Fisch­weiher.

Am vorletzten Tag, vor der Vision Quest, hatte ich urplötzlich einen schrecklichen Tagtraum:

Ich sitze im Wald; plötzlich überkommen mich starke Kopfschmerzen und ein starke innere Unruhe lässt mich am ganzen Körper erzittern. Das, was ich am meisten in meinem Leben befürchte, geschieht – mich ereilt ein Gehirnschlag. In der Einsamkeit liegend hauche ich mein Leben aus.

Michael wartet am vereinbarten Platz vergeblich auf meine Rückkehr. Er wird unruhig und beginnt mich zu suchen. Nach Stunden findet er mich, tot.

Mein Gott gibt das ein Chaos. Die Polizei wird eingeschaltet  und schließlich tragen Sanitäter mich aus dem Wald. Es werden Ermittlungen angestellt, die wildesten Gerüchte kursieren und zuletzt stürzt sich die sensationslüsterne Presse auf die Story. Der Freisinger Buchautor, Ludwig Zaccaro in der Wildnis verhungert. Sein bester Freund hatte ihn zu einer obskuren, von Fachleuten umstrittenen „sogenannten Vision Quest“ überredet, ein in esoterischen Kreisen praktizierter Kult, der die „Erleuchtung“ bringen soll. Ich drehte mich regelrecht im Grab um, doch das Allerschlimmste kommt erst noch. Hunderte läuten an meiner Haustüre und belästigen meine trauernde Frau. Sie wollen das Buch „Achava, wir kommen wieder“ des Mannes, der im Wald verhungert und verdurstet ist, haben und zwar sofort. Als hätte sich ein böser Spuk aufgelöst: Jetzt, wo ich tot bin, läuft das Buch, welches mir statt Erfolg,  so viel Ärger und Frust gebracht hat.

Kein Wunder, dass ich den Rest des Tages schlecht drauf war. Am Abend erzähle ich Markus davon. Er lachte nur und sagte:

 „Lass dich nicht beirren lassen. Es sind nur die Ängste vor der bevorstehenden Vision Quest, die in dir aufsteigen.“

Nun trete ich in die heiße Phase. Heute gibt es nur noch Obst und zwei Scheiben Brot und morgen, am Vortag des Beginns der Vision Quest nur noch Obst und Gemüsesäfte. Plötzlich packt mich unglaubliche Panik, nicht genügend zum Essen zu bekommen. Ist das nicht pervers? Ich lebe im reichen Mitteleuropa und habe Angst vor quälendem Hunger, mein Kopf rotiert, nur weil mein Bauch einmal für zwei Tage wenig und für drei Tage nur Wasser bekommt. Doch es ist so, mein Überlebenstrieb ist erwacht; oder ist es nur meine Fresslust, die Gier, welche sich meldet und nicht akzeptieren will, für kurze Zeit nicht vor vollen Töpfen zu sitzen? Trotzdem, ich bin heute nicht gut drauf und fühle mich ein wenig depressiv. Da kommen auch noch schlechte Nachrichten von den Behörden, per Post und per Telefon. Was heißt denn schon schlechte Nachrichten in Deutschland, immer noch ein Wohlstandsland und auch in Zukunft wird es so sein, es sei, unser Land wird von dem wachsenden Heer von Berufsjammerern totgejammert.

Da ist schon schwerwiegender, was mir gerade meine ältere Tochter  gerade unter dem Siegel der Verschwiegenheit per Telefon über ihre jüngere Schwester erzählt hat. Die erste Liebe der gerade 17jährigen hielt kein halbes Jahr und jetzt ist sie gefühlsmäßig außer Rand und Band und verkündet jedem, dass sie sterben möchte. Was soll und kann ich tun? Meine Töchter leben weit weg auf den Kanarischen Inseln und obendrein ist mein Kontakt zur Jüngeren konfliktbeladen, sogar die wenigen Male, wenn wir uns sehen. Sie hätte gerne einen anderen Papa gehabt, einen mit Geld und großem Auto, der ihr Luxus bieten kann. Verdammt noch mal, muss dieses ungelöste, nicht lösbare Problem ausgerecht jetzt auf mich zukommen, wo ich meinen Kopf doch frei machen sollte für die Vision Quest, in die ich soviel Hoffnung und Erwartung setze?

 Samstag Abend: Michael ist gekommen und wir brechen auch gleich mit dem Auto auf. Nach den Maisfeldern bin ich plötzlich unsicher. Da geht es in den Wald, aber verdammt, da steht ein Forstauto. Aber es ist eh nicht der richtige Weg. Wir gehen ein Stück zu Fuß zurück und finden ihn. Vorsichtshalber dirigiere ich Michael direkt, nämlich quer durch den Fichtenwald zu meinem Platz. Michael zeigt sich ganz beeindruckt, wie schön ich den Platz hergerichtet habe. Wir stellen die beiden Wasserträger, die 15-Liter-Karaffe und die große Tüte mit Plane und Schlafsack ab und machen uns auf den Rückweg. Die Dämmerung hat unterdessen eingesetzt, und so nehmen wir den einfacheren, gut sichtbaren Weg. Als wir einen verlas­senen Jägerstand erreichen, steigt Michael gleich voller Übermut hinauf. Plötzlich wird er ruhig und sagt mit leiser Stimme:

„Wir werden beobachtet von dem anderen Jägerstand gleich gegenüber bei den Büschen.“

„So ein Mist! Wir tun einfach ganz unschuldig.“

Ein älterer Mann blickt mit angelegtem Gewehr direkt auf uns und lässt uns erst näher herankommen:

„Ja seid ihr denn nicht ganz bei Trost? Ihr könnt doch nicht einfach in Fastdunkelheit aus dem Dickicht heraustreten. Das hätte echt ins Auge gehen können. Überhaupt, was macht ihr denn in der Nacht mitten im Wald, fernab vom Weg?“

„Wir wollten noch etwas spazieren gehen. Ist jetzt etwa gerade Jagdzeit?“

„Natürlich, die Bockjagd.“

„Kommen Sie da jeden Tag?“

„Ja, morgens und abends immer bei der Dämmerung.“

Da war uns klar, dass wir mit unserer Ausrede ein Eigentor geschossen hatten. Hier brauchten wir uns nicht mehr blicken zu lassen.

 Wieder zuhause beratschlagten wir, was zu tun sei, fanden aber keine richtige Lösung und begannen über einer Landkarte von Südbayern zu pendeln. Die näheren Waldgebiete waren alle nicht ideal, am besten war noch der Ebersberger Forst, genau am anderen Ende vom Großraum München.

Die Tarotarten, zu Rate gezogen, sprachen von der Herausforderung, der ich mich nicht entziehen dürfe.

Wir fassten einen Entschluss: Erst noch einmal, in völliger Dunkelheit in den Freisinger Forst und alles wieder abholen, den Wecker auf 3 Uhr stellen und dann schleunigst ins Bett.

 Und tatsächlich, um 3.30  Uhr saßen wir im Auto, zügig unterwegs auf der Umgehungsstraße um München herum. Über Vaterstetten, Zorneding nach Forstinnig und von dort durch den Forst. Die rechte Seite war durch einen kilometerlangen Zaun abgesperrt. Links erspähten wir einen Forstweg und ließen erst einmal das Auto stehen. Ein schnurgerader Weg führte leicht bergauf an einem Laubwald entlang, durchwachsen mit Brombeer- und Himbeersträuchern, dahinter Fichtenwald, allerdings nicht so eng wie in Freising und deshalb gut einsehbar. Nach einer Weile Gehens entdeckten wir ein Waldstück, auf dem, etwas zurückversetzt, ein noch niedriges Laubwäldchen lag. Michael meinte, dies sei ein guter Platz, allerdings wieder mit Jägerstand.

„Das macht nichts“, sagte er, „dicht im Laubwäldchen sieht dich keiner.“

Wir luden das Wasser und einen Teil meines Gepäcks aus dem Auto aus und brachten es bis zum Rand des Wäldchens. Zum Forstweg zurückgekehrt verabschiedete mich Michael mit einem kleinen Ritual. Er entzündete Räucherstäbchen und markierte die Schwelle, die ich alleine zu übertreten hatte. Ich nahm meinen Rucksack, in der einen Hand meinen Schlafsack und in der anderen meine Trommel aus der Wurzel einer Agave und überschritt die Schwelle ohne mich noch einmal umzusehen. Jetzt war ich allein.

Nach kurzer Begutachtung beschloss ich, mich nicht in dem vom Beerenranken durch­wachsenen Laubwäldchen niederzulassen, sondern dahinter, außerhalb der Sichtweite des Jägerstandes. Dummerweise war ich dadurch der Bundesstraße wieder ein gewaltiges Stück näher gekommen, was ich aber nicht gleich bemerkte.

„Ihr verdammten, rasenden Blechkisten. Komme ich euch denn nie aus?“

Auch  Flugzeuge durchbrachen wieder in regelmäßigen Abständen die Stille

Trotzdem richtete ich mir mit stoischer Ruhe meinen Platz schön her; an einem schräg­gewachsenen Baumstumpf postierte ich ein Bild meines Vaters, den ich kaum kennen gelernt hatte, links davon eine Feder, rechts meinen Sprechstab, davor die Friedenskerze und eine Trillerpfeife. Die letztere, da ich ja wohl annehmen musste, dass jagende Förster mit Hund unterwegs wären und ich so rechtzeitig auf mich aufmerksam machen könnte.

Als erstes weihte ich den Platz mit meiner Klangschale und Räucherstäbchen ein. Dann beschloss ich erst einmal meinen jäh unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Um 10 Uhr kitzelte mich die Sonne an der Nase. Ich stand auf, wusch mein Gesicht und putzte meine Zähne. Ich konnte unterdessen genau den Sonnenstand ausmachen und bestimmte die vier Himmels­richtungen, um ein Ritual, welches ich aus dem Vision Quest Buch hatte, auszuführen.

Mein Platz gefiel mir, aber nicht der störende Geräuschpegel. Sollte ich einen anderen Platz suchen? Mein vieles Gepäck machte mich unbeweglich und obendrein, mit zwei gefüllten Wasserträgern und meiner 15-Liter-Karaffe auf dem Forstweg entlang zu marschieren? Auffälliger geht es wirklich nicht. Also zähneknirschend den ersten Tag hier verbringen.

So verbringe ich den Tag mit ausgiebigen Spaziergängen und der Erkundung der Umgebung. Mir geht es gut, auch wenn ich mich durch das Fasten geschwächt fühle. Und wie sieht es mit der Orientierung aus? Eigentlich ganz einfach, wenn man aufpasst, oder noch besser, bei jeder Wegabzweigung ein Zeichen hinterlässt, wie die Indianer es tun. Doch ich war auf der Suche nach Kultgegenständen für die vier Himmelsrichtungen, je einer schwarz, weiß, rot und gelb. Da musste ich natürlich ein paar Mal vom Weg abweichen und tief ins Gebüsch eintauchen, und schon war es passiert:

„Wo kam ich jetzt zuletzt her? Der Rückweg muss doch einfach zu finden sein, weil ich ganz in der Nähe ein deutliches Zeichen aus Ästen hinterlassen habe.“

Ich laufe alle vier möglichen Wege je 10 Minuten entlang und werde bei jedem erfolglosen Versuch nervöser. Das gibt es doch gar nicht, auch beim vierten Versuch bin ich falsch. Was jetzt? Da sehe ich ein Feldkreuz und davor eine Bank, die einem Waldarbeiter namens Markus Angermeier gewidmet ist. Ich sitze eine Weile ruhig da, betrachte den am Kreuz hängenden Jesus und bitte ihn schließlich um Hilfe:

„Jesus, du weißt doch, dass ich jedem, der mich wegen meiner, trotz meines „fort­geschrittenen Alters“ von über 50 Jahren, immer noch oder schon wieder langen Haare, dumm anmacht, antworte, it’s my homage to Jesus Christ!’ Und jetzt habe ich echt ein Problem. Könntest du mir bitte in meiner Not helfen und mich zurückführen an meinen Platz und mir damit eine un­gemütliche Nacht ersparen“

Foto: pixelio.deIch saß noch eine Weile auf der Bank, beobachtete meinen Atem und als ich mich ganz ruhig und entspannt fühlte, stand ich auf und ließ mich von ihm führen. Ich war sicher, dass ich diesen Seitenweg vorher nicht gegangen war und trotzdem, gerade dieser führte mich auf einem kleinen Umweg genau zu meinem Zeichen und ich war von dort in kürzester Zeit „zu Hause“.

 Der Rest des Tages verging, indem ich kleine Rituale abhielt, meinen Vater in Gedanken vor seinem Bild ehrte, im Vision Quest Buch las, mir meine zentralen Lebensfragen stellte und mir Aufzeichnungen machte. Am Nachmittag, bei einem erneuten kleinen Spaziergang, erlag ich doch der Versuchung, mich an den Himbeeren am Wegesrand, deren reifer Duft mir schon den ganzen Tag, in die Nase gestiegen war, zu laben und siehe da, endlich kommt der lange erwartete Stuhlgang. Drei Tage ist es her, dass ich zum letzten Mal feste Nahrung zu mir genommen hatte; so lange dauert es also, bis ich mein Darm völlig gelehrt hat, alle Reste entwichen sind. Das kann doch auf Dauer nicht gut sein; vielleicht sollte ich mich doch öfters einer Darmsanierung unterziehen.

 In der klassischen Vision Quest gibt es drei Tabus. Eines davon ist: Kein Kontakt zu Menschen. Leichter gesagt  als getan. Da müsste ich mich wie Tier in einer Höhle verkriechen und die Nase nicht herausstrecken. Hier im Ebersberger Forst wimmelt es nur so von Fuß­gängern und Radfahrern, und das besonders an einem Tag wie den heutigen. Kein Wunder, schließlich ist heute Sonntag. Was also tun? An den Mitmenschen grußlos vorbeischleichen? Genau das ist es, was mich in Deutschland so oft stört. Die Weigerung, den anderen überhaupt wahrzunehmen, ihm nicht einmal einen freundlichen Gruß zuzuschicken, bzw. zu erwidern. Also gebe ich mich ganz normal und grüße. Als es immer heißer wird und ich Lust auf ein kurzes Bad verspüre, gehe ich sogar noch weiter und frage zwei Damen, die mir gerade entgegenkommen, ob es hier in der Nähe eine kleinen Badesee gebe. Nein, gibt es nicht, die drei Seen sind in einem ganz anderen Teil des Forstes. Soll ich jetzt wegen des Tabubruchs ein schlechtes Gewissen haben? Ich denke, es ist besser mich selbst zu beobachten und zu fragen, warum ich so gehandelt habe.

Ganz klar, es war der ewige Rebell in mir, der sich stark gegen alle Dogmen und Regle­mentierungen wehrt. Wehe wenn ich diesem kleine Rebellen seinen Platz nicht lasse, dann arbeitet er massiv gegen mich und gefährdet damit die Vision Quest.

Plötzlich stoße ich auf das Ende des Waldes. Vor mir bebaute Felder und in der Ferne ein kleines Dörfchen. Und da direkt vor mir ein riesiger Baum und dahinter eine kleine Feld­kapelle. Langsam gehe ich auf den Baum zu, es ist eine Eiche, nein, nicht eine, sondern zwei, am Stamm zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge. Ich genieße die Energie dieses Kraftplatzes und die friedliche und sanfte Atmosphäre. Deutschland ist nicht nur laut, aggressiv und überbevölkert; es gibt sie auch: Idyllische Plätze des Friedens und der Harmonie. Da überkommen mich direkt heimatliche Gefühle.

Das Kapellchen zieht mich magisch an. Ich nähere mich und trete schließlich ein. Ein kleiner Altar mit drei Figuren: Maria mit dem Kind, Joseph und der heilige Franziskus mit einer Gans auf den Armen. Rechts und links je ein Gebet. Das linke gefiel mir so gut, dass ich es leicht verändert aufgeschrieben habe:

Oh Herr, mache mich zum Werkzeug des Friedens,

dass ich Liebe übe, wo man mich hasst,

dass ich verzeihe, wo man mich beleidigt,

dass ich verbinde, wo Streit ist,

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht,

dass ich Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,

dass ich ein Licht anzünde, wo Finsternis regiert,

dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

 

Herr lass mich trachten,

nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,

nicht, dass ich verstanden werde, sondern ich verstehe,

nicht, dass ich geliebt werde, sondern liebe.

 

Denn wer da hingibt, der empfängt,

wer sich selbst vergisst, der findet,

wer verzeiht, dem wird verziehen,

und wer mit reinem Herzen stirbt, erwacht zum ewigen Leben

 

Gebet des Hl. Franziskus

 

Beim Lesen dieser Zeilen spüre ich großen Frieden in meinem Herzen, die innere Unruhe und meine Zukunftsängste legen sich. Trotzdem, so einfach ist das nicht mit dem Frieden.

Schon auf dem Rückweg höre ich in der Dämmerung das Bellen von Hunden und auch vereinzelte Gewehrschüsse. Auf eine Konfrontation mit Hunden bin ich nun wirklich nicht scharf. Das ist der Nachteil, wenn man sich abgelegen, tief im Wald niedergelassen hat. Ich bin nicht sicher, ob der Förster überhaupt mitbekommt, wenn sein Hund einen Menschen angreift. Gott sei Dank habe ich ein Pfeiferl dabei und im Zweifelsfalle ist es wohl auch ratsam, rechtzeitig durch lautes Schreien und Pfeifen auf sich aufmerksam zu machen und zwar, bevor der Hund zugebissen hat. Ich bin ja ein ruhiger, eher schüchterner Typ; ob es mir gelingt, im richtigen Moment so richtig aus mir herauszugehen und aus voller Kehle loszuschreien? An meinen Töchtern habe ich diese Fähigkeit bewundert. Ist doch okay, nein sogar super, nichts in sich hineinzufressen, sondern den Schmerz, kaum dass er aufsteigt, hinauszuschreien und sich damit die dringend benötigte Aufmerksamkeit und Zuwendung zu holen. Ist dies nicht sogar ein Menschenrecht oder sollte es  nicht eines sein? Durch heftigste Gefühlsaus­brüche auf sein Leid aufmerksam zu machen? Wenn dies in unserer Gesellschaft der Erwachsenen nicht so verpönt wäre, könnte dies vielleicht sogar ein Mittel gegen Fanatismus und Terrorismus sein? Könnte ein Selbstmordattentäter sich selbst und andere noch in die Luft jagen, wenn er seinen Schmerz und seine Angst, statt sie zu verdrängen, zulassen und herauslassen würde? Könnte ein „frei gewählter“ Staatsmann, wie George W. Bush jun., im Namen der Freiheit, ein ganzes Land niederbomben lassen, wenn er frei wäre von Angst und Komplexen, wenn er ein anderes Ventil gefunden hätte, all seine unerlösten Teile vehement, aber gewaltlos nach außen zu bringen.

Gewagte Thesen, sicherlich, aber ich finde, einen Versuch in dieser Richtung, wäre es allemal wert. Ein Privattherapeut für Bush und die Mullahs, für Sharon und Arafat, warum denn nicht?

 Als ich an meinen Platz zurückkehrte, spürte ich, wie ich in einen geschützten Bereich eintrat und sofort war alle Angst weg. Hier an diesem Platz war ich nicht allein, der große Geist war mit mir und beschützte mich. So war es kein Wunder, dass ich eine ruhige Nacht verbrachte und das sogar, obwohl es nicht wirklich ruhig war. Der Geräuschpegel der Straße und der Flugzeuge begleitete mich im Schlaf, und dennoch schlief ich ganz entspannt.

 Trotzdem, im Schlaf war meine Entscheidung gefallen, mir einen besseren, ruhigeren Platz zu suchen. So machte ich am Montag Morgen um 6.30 Uhr als erstes meine Yogaübungen, packte dann alles zusammen und ließ nur die 15-Liter-Karaffe  und die Regenplane zurück.

150 m weiter fand ich einen Platz, der mir zusagte. Ich blies meine Unterlage auf, begann gerade meine Ritualgegenstände an einem Baum zu postieren und meinen neuen Altar zu  gestalten, als ein größeres Auto mit Waldarbeitern die Forststraße entlang preschte. Ver­dammt, die haben mich bestimmt gesehen, aber was soll es, ich bin eh zu nahe an der Straße.

 Also noch einmal all meine Sachen 100 m weiter, tief in den Wald schleppen. Das ist jetzt aber wirklich mein Platz! Es ist tatsächlich wie in meinem Leben; ich brauche immer min­destens drei Anläufe, bis etwas klappt. Bis um 9 Uhr habe ich mich eingerichtet und machte gerade meinen Morgenspaziergang. Da plötzlich ein Höllenlärm. Ich schaue um die Ecke; ein Waldfahrzeug steht ausgerechnet da, wo ich in den Wald einbiegen müsste, um ungesehen zu meinem Platz zurückkehren zu können. Also besser, erst einmal in die andere Richtung zu gehen, um mein Versteck nicht zu verraten.

Die reifen Himbeeren am Wegesrand riechen einfach zu gut und ich kann ihnen nicht widerstehen - was sich später als großer Fehler herausstellen sollte. Doch erst einmal genieße ich den sonnigen Vormittag, setze mich an den Wegesrand und beginne, an meinem Bericht zu schreiben. Da plötzlich kommt der Lärm immer näher. Ein Riesengefährt donnert langsam daher. Es fährt aber nicht auf der Straße, sondern den Grünstreifen entlang, auf dem ich sitze. Innerhalb von Sekunden liegen alle Pflanzen abgeschnitten und zerkleinert am Boden. Ich stehe schnell auf und verkrümele mich auf die andere Straßenseite. Die Riesenmaschine rauscht vorbei, der Fahrer, in seiner Kabine, grüßt freundlich.

Immerhin der Weg nachhause, durchs Gehölz ist wieder frei. Dort angekommen, stelle ich fest, dass ich mein Trinksoll bei weitem nicht erreicht habe: 2 ¼  Liter in 1 ½ Tagen, das ist deutlich zu wenig. Michael sagte zu mir etwas von mindestens 3 Litern am Tag. Ich zwang mich also, alle 5 – 10 Minuten Wasser zu trinken. Schon bald bekam ich starkes Magenaufstoßen und Sodbrennen. Zwei Stunden später lag ich mit starken Bauchschmerzen danieder. Doch es waren keine Koliken, sodass ich meine Bauchspeicheldrüse, die sich gegen das Wasser wehrt, als Ursache vermutete.

Es geschieht mir eigentlich recht. Fasten soll ich und nicht meinen Magen tratzen. Wie soll er zur Ruhe kommen, wenn ich immer wieder, so nebenbei, eine Handvoll Himbeeren hineinschiebe.

Laut Michaels Aussage sollte ich längst keine Hungergefühle mehr haben und mein Geist sich weiten. Stattdessen lag ich gekrümmt auf meiner Matte und dämmerte dumpf vor mich hin. Michael hatte mir noch vorgeschlagen, dass ich ein Handy mitnehmen sollte, nicht um es zu benutzen, sondern nur, um einmal, jeden Morgen eine SMS an ihn schicken zu können, mit kurzem Bericht, wie es mir geht. Ich lehnte ab, weil dies genaugenommen, laut Buch, ein Verstoß gegen eines der Tabus der Vision Quest gewesen wäre. Was ich jetzt wohl tun würde, wenn ich doch ein Handy dabeihätte? Doch ich habe keines und muss deshalb meine Beschwerden allein durchstehen. Hoffentlich wird es nicht schlimmer. Ich fasse mir an die Stirn. Habe ich Fieber? Ich bin mir nicht ganz sicher.

 Da plötzlich ziehen große Wolken am Himmel auf. Ich springe auf, um die Regenplane von alten Platz zu holen. So schleppe ich mich mühsam den Weg entlang, einmal hin und einmal zurück. Immerhin, ein wenig Abwechslung ist es. Doch jetzt ekelt es mir vor allem. Beeren igitt, sogar das Wasser schmeckt mir nicht mehr und rumort in meinem Bauch. Hoffentlich wird es bis zum Abend besser, denn Wasser sollte ich auf jeden Fall reichlich trinken, um nicht auszutrocknen.

Immerhin, mein jetziger Platz ist deutlich besser, nur noch ganz entfernt nehme ich den Lärm der Straße wahr.

Schon um 22 Uhr legte ich mich zum Schlafen und erst 10 Stunden später erwachten in mir wieder die Lebensgeister. Ich spürte meinen Rücken und begann deshalb den Tag mit meinem Yoga-Morgenprogramm. Meinem Bauch ging es deutlich besser, allerdings bekam ich Kopfschmerzen, sobald ich mich erhob und umherging. Wassermangel, letzten Tag habe ich nicht einmal 2 Liter getrunken, nicht weil ich es so wollte, sondern weil ich wegen meiner Bauchschmerzen nichts mehr herunterbekam. Ich trank in kleinen Schlucken und spürte in meinen Magen hinein, wie es mir dabei erging. Nur noch ein schwaches Grummeln.

Dankbar über die Besserung meines Gesundheitszustandes machte mir tiefschürfende Gedan­ken über den Sinn von Regeln und Gesetzen und warum ich sie so oft und gerne breche:

Alle, die Großes in ihrem Leben erreicht, sind nicht mit der Masse mitgeschwommen, sondern, haben die Regeln und Gesetze der Gesellschaft in Frage gestellt, allerdings  zumindest anfangs, auch die Folgen zu spüren bekommen. Nicht wenige sind als Ketzer gestorben oder haben ihr Alter in Armut  und geächtet verbracht. Doch andere haben es geschafft, wie Sterne am Himmelszelt aufzusteigen und werden dort leuchten, solange es noch Menschen auf diesem Planeten gibt. Was mich betrifft, bin ich leider noch lange nicht soweit und ob ich je zu Ruhm und Erfolg komme, weiß nur der Große Geist.

Aber Regeln haben durchaus einen Sinn und Menschen, die dies nicht akzeptieren wollen, müssen dann unter den Auswirkungen leiden. Immerhin habe ich gestern etwas Wichtiges gelernt, nämlich nicht einfach den Verlockungen reifer Himbeeren zu erliegen, sondern kurz aber scharf nachdenken, ob dies in meiner Ausnahmesituation eine gute Idee ist.

Noch etwas Anderes kommt mir in den Sinn: Dass es manchmal auch gut ist, nicht an das Netz der Kommunikation angeschlossen zu sein. Mit Handy hätte ich gestern sicherlich eine Nachricht geschickt mit kurzem Bericht über meinen Gesundheitszustand und damit hätte Michael  wohl keine andere Wahl gehabt, als mich abzuholen und dies hätte einen früh­zeitigen Abbruch meiner Vision Quest bedeutet. Welch schrecklicher Gedanke!

„So auf geht’s, heute ist die Todeshütte dran!“ So eine Riesenaktion und das, wo ich eh schon geschwächt bin und obendrein ist es sinnvoll, mich heute tagsüber zu schonen und auszu­ruhen. Schließlich ist heute meine Wachnacht. Ich soll die ganze Nacht, bis zum Morgen­grauen wach bleiben, auf göttliche Eingebungen und Fingerzeige für meine Zukunft warten und offen und bereit sein für alles, was kommen möchte. Die lange Zeit kann ich mit trommeln, Mantren singen und Gebeten verbringen. Der Steinkreis ist so eng beschaffen, dass ich darin nur sitzen, mich aber nicht hinlegen kann, und verlassen soll ich ihn die ganze Nacht nicht. Hoffentlich stehe ich das durch, kippe nicht irgendwann um und verschlafe am Ende noch meine Rückkehr bei Morgendämmerung.

Das wäre ja was, Michael kommt und findet mich nicht am Treffpunkt vor. Er irrt stundenlang im Wald herum, ich tief schlafend höre weder sein Rufen noch Pfeifen. Und am Ende, da er mich nicht finden kann, muss ich schauen, wie ich in meinem geschwächten Zustand  mit all meinem Gepäck allein nachhause komme. Welch Horrorvision!

„Jetzt bist du aber ganz geschickt ausgewichen, hast einfach eine Stufe der Vision Quest ausgelassen, nämlich deine heutige Tagesaufgabe: deine Todeshütte bauen und dich dorthin zurückziehen, in Gedanken dein Leben noch einmal an dir vorbeiziehen zu lassen und all das Ungeklärte zu klären, Ungelöstes aufzulösen und dich in Frieden aus deinem jetzigen Leben zu verab­schieden.“

„Nun, was ist los mit dir? Baust du nun deine Hütte oder nicht?“

„Ich könnte mich ja auch neben ein Paar umgestürzten Ästen legen und mir vorstellen, es sei eine Hütte.“

„Was sagst du da? Schäm dich, du bist doch ein Mann. Du wirst es doch wohl noch schaffen ein paar herumliegende Baumstämme herbeizuholen, rings um einen dicken Baum aufzu­stellen, sodass eine improvisierte Hütte entsteht. Ist das etwa schon zu schwierig?“

„Nein, ganz und gar nicht, aber ich habe dummerweise keine Arbeitshandschuhe dabei und auch keine Säge oder Baumschere. Und meine Schutzbrille habe ich auch vergessen.“

„Du elender Plattfußindianer willst dich mit fadenscheinigen Argumenten um eine der wichtigsten Vision Quest Aufgaben drücken?“

Unglaublich, welche Macht innere Stimmen haben! Ich erhob mich tatsächlich, wählte einen Baum für meine Hütte aus, räumte erst einmal den Platz darum herum frei und machte mich auf die Suche nach geeigneten Stämmen. Ich schleppte sie heran, und langsam entstand das Gerüst eines Tipis. Es war anstrengend, und immer wieder musste ich kurze Pausen machen und Wasser trinken. Nachdem ich soweit war, setzte ich mich davor und sah mir mein Werk an.

Es sieht alles so nackt aus, ein Indianertipi ist normalerweise noch mit einer schön bemalten Zeltplane umgeben. Da kommt mir eine Idee: Fichtenzweige, um das kahle Gerüst damit auszuschmücken. Ich sammle eine Menge Fichtenzweige auf einem Haufen zusammen und beginne dann, sie von außen aufzulegen. Insgesamt zwei Stunden bin ich jetzt schon mit meinem Werk beschäftigt und endlich zufrieden. Sieht echt gut aus.  Ich hole meine Isomatte, lege sie hinein, ziehe dann andächtig meine Schuhe aus und betrete die Hütte. Toll, richtig gemütlich ist es innen drin. Stolz erfüllt mich über mein improvisiertes Kunstwerk und lässt mich entspannt und mit guten Gefühl ausruhen.

Ich bemerkte, dass mein Wasser zur Neige ging, und so brach ich zu meinen alten Platz auf, um Nachschub zu holen. Ich fühlte mich jetzt echt stark geschwächt und hatte auf dem Rückweg tatsächlich auch noch Orientierungsprobleme. Doch mit Hilfe Jesus’ und des Großen Geistes fand ich bald zu meinen Platz zurück. Wieder musste ich mich niederlegen und ausruhen. Jäh erwachte ich aus den Träumen.

Eine Motorsäge kreischt auf, ich höre das Ächzen und Fallen eines Baumes. Scheißzivilisation! Sie lässt mich einfach nicht in Ruhe. An einigen der umstehenden Baume stelle ich verdächtige rote Ringe fest, das Zeichen, dass sie demnächst gefällt werden sollen. Was soll ich tun, wenn Waldarbeiter kommen und ihr Chef mich auffordert, den Platz zu verlassen? Ich spüre, wie sich Widerstand ihn mir rührt. Bloß nicht diskutieren, sondern ganz ruhig in wenigen Sätzen erklären, dass ich nicht weichen werde und als Vorschlag, sie könnten ja morgen wieder kommen, wenn ich diesen Platz verlassen hätte. Plötzlich spüre ich, dass ich mir unnötigerweise Gedanken mache; niemand wird kommen; ich befinde mich in einem magischen Kreis. Ich habe meinen Platz gefunden und mein Platz mich. Ich bin sicher hier, solange ich mich in meinem Prozess der Vision Quest befinde. Und tatsächlich, der Lärm der Waldarbeiter entfernt sich wieder und ich habe meinen Frieden.

Nun ist es aber an der Zeit, mich in meine Todeshütte zurückzuziehen.

Ich ließ mein Leben noch einmal an mir vorüberziehen und verabschiedete mich von allen Menschen, die mir im Leben nahe standen. Dieser Teil der Vision Quest gehörte in meine Privatsphäre, und ich möchte deshalb nicht näher darauf eingehen. Nur so viel möchte ich sagen: Es war eine tief gehende und ergreifende Erfahrung, und ich fühlte mich danach im Reinen mit fast allen und allem.

Danach fühle ich mich erschöpft und verbringe den Rest des Nachmittags größtenteils vor mich dahindösend. Besser jetzt durchhängen, als in der Wachnacht einschlafen.

Da schrecke ich plötzlich hoch; immer wieder höre ich ein merkwürdiges Grollen aus dem Himmel über mir. Sind das jetzt Flugzeuge, oder ist ein Gewitter im Anzug? Der Himmel ist bedeckt. Wenn es in der Nacht tatsächlich zum Regnen anfängt, habe ich ein großes Problem. Also doch die Plane aufspannen, solange es noch hell ist, um mir in der Nacht, im Falle eines Falles, viel Zeit zu ersparen. Es ist gar nicht so einfach, eine geeignete Stelle dafür zu finden, d.h. vier Bäume, die zumindest annähernd ein Rechteck bilden. Endlich habe ich einen halb­wegs geeigneten Platz gefunden. Es dauert seine Zeit, bis ich die Plane so befestigt habe, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Danach setze ich mich noch in die untergehende Sonne und die genieße die Wärme der letzten Sonnenstrahlen. Da plötzlich schießt es wie ein Blitz in mich hinein: Die Realität des Alltags, die mich morgen wieder erwartet. Ich gerate schier in Panik, wenn ich nur daran denke. Mein Krankengeld ist gestrichen, ich muss zur „Agentur für Arbeit“, so geschwollen nennt sich jetzt das Arbeitsamt, und muss ab sofort von 490 € minus 230 € Miete leben. Warum das Letztere? Das zu erklären, würde hier zu weit führen, doch heißt dies, dass ich mir schleunigst einiges einfallen lassen muss. Verdammt, kann mich die böse Realität nicht diesen Tag und die kommende Nacht in Ruhe lassen? Vielleicht weiß ja heute Nacht der Große Geist Rat und greift helfend in mein Leben ein.

Ich lasse die Panikattacke zu, weise sie nicht zurück, sondern betrachte sie nur von außen, ohne einzuschreiten; langsam lässt die Heftigkeit nach und ich fühle mich besser. Angenommen, die kommende Nacht wäre meine letzte; was kümmert mich dann noch all der bürokratische Kram - und wenn nicht, werden sich schon Lösungen finden.

Langsam wird es dunkel; noch einmal ziehe ich mich in die Todeshütte zurück und warte. Nachdem sich nichts mehr tut, gehe ich wieder ins Freie und richte alles her, was ich für die Wachnacht brauche. Ich stelle einen umgedrehten leeren Wasserkanister in den Steinkreis und den Rest drumherum, sodass ich alles Nötige in Griffweite habe. Es ist fast dunkel, als ich in den Kreis hineinsteige. Ich betrachte, wie die Nacht meinen Platz in Besitz nimmt und spüre hin, wie es mir geht. Der Sitz ist zu hart und unbequem; schnell noch einmal, ganz außer­programmmäßig hinaus und meinen Schlafsack holen und als Kissen verwenden. Jetzt ist es besser; der Große Geist wird mir meinen Regelbruch, nämlich den Kreis noch einmal zu verlassen, verzeihen. Ich lasse meine Klangschale erklingen und probiere ver­schiedene Rhythmen auf meiner Trommel aus. Das klingt aber laut und lockt möglicherweise Menschen an, besonders, weil ich nicht im Dunkeln sitze, sondern eine Kerze brennen habe. So lasse ich es und verbringe eine Weile in Stille. Es ist ruhig, nur die Eichhörnchen und das Knacken der Äste sind zu hören und hie und da, ganz in der Ferne, die Autostraße. Ich warte und warte, aber es tut sich nichts und mir wird langweilig. Da beginne ich mein Mantra zu singen, 108 Mal. Hindus und Buddhisten glauben, dass die Wirkung eines Mantras sich erst bei der heiligen Zahl 108 richtig entfaltet. Es tut mir gut, über eine halbe Stunde zu singen. Dann spreche ich es noch 11 Mal auf deutsch. In der offiziellen Übersetzung hat mir eine Zeile nicht gefallen und so habe ich sie in meinem Sinne verändert:

„Oh, du dreieiniger Gott des Vergehens, des Werdens und der Schöpfung! Lass mich reifen, wie eine Frucht und nicht von dieser Erde gehen, bevor ich meine Aufgabe gefunden und erfüllt habe.“

Ich habe diesen magischen Spruch 11 Mal laut gesprochen, weil die 11 meine Zahl ist. 11 Jahre habe ich auf Gran Canaria gelebt, mit einer Frau, die 11 Jahre jünger war als ich. Nun bin ich wieder in Deutschland, seit 11 Jahren und meine jetzige Lebenspartnerin ist wiederum 11 Jahre jünger als ich.

Ich spürte mich tief verbunden mit meinem Lebenskarma, doch dies sollte die einzige Erfahrung dieser Nacht bleiben. Um 23 Uhr wurden meine Augen schwer und mein Rücken schmerzte. Ich bin einfach keine Nachteule und sehnte mich nach erquickendem Schlaf. Vielleicht kommen im Schlaf noch wichtige Erkenntnisse. Wie wär’s mit einem Kompromiss. Ich lege mich im Kreis nieder. Das ist zwar unbequem, aber in der Embryohaltung müsste es gehen. Unruhig wälze ich mich von rechts nach links, von links nach rechts und stoße dauernd an den Steinen an. Um 2 Uhr nachts habe ich die Nase voll und verlasse den Kreis.

„Ah, endlich wieder an meinem ebenen Nachtlager, an dem ich mich so gut ausstrecken kann!“

Ich schlafe tief und fest und schrecke bei der Morgendämmerung auf. Es ist 5.15 Uhr. Schnell baue ich die Plane ab, löse den Steinkreis auf und packe zusammen. Ich beeile mich nicht, da es noch zu dunkel zum Aufbruch ist und ich nichts vergessen möchte.

„Wenn ich jetzt nicht losgehe, komme ich zu spät“ Ich spüre, wie ich in Hektik gerate und mich mein schlechtes Gewissen, Michael gegenüber, antreiben will. Mein fast tägliches Morgenritual läuft vor meinem inneren Auge ab. Zwar mache ich fast immer meine morgend­lichen Yogaübungen und setze mich auch kurz vor meinen Altar, doch da bin ich meist schon nicht mehr in der inneren Ruhe. Ich springe auf, schmeiße die Türen, suche den Hausschlüssel und weg geht es – ohne Frühstück.

„Merkst du nicht, das da etwas nicht stimmt? Erst baust du Energie auf und dann erschlägst du sie wieder mit deiner Hektik. Das muss sich in Zukunft ändern! Ich muss ganz einfach ½ Stunde früher aufstehen und dies wird meine neue Disziplin sein! Und das schlechte Gewis­sen, zu spät zu kommen. Tue das deine, um in der Zeit zu bleiben und wenn es einmal nicht so ganz funktioniert, habe kein schlechtes Gewissen!“

Ich bin zu spät und ich will lossausen.

„Halt! Nimm die Hektik aus deinem Handeln! Du wirst mehr erreichen und die anderen deine Entschuldigung annehmen können, besonders wenn sie spüren, dass du in Ruhe und Frieden kommst“

So verabschiede ich mich noch in aller Ruhe von meinem Platz, danke dem Großen Geist für all seinen Schutz und Beistand und gehe in Frieden.

 Ich bin ca. 15 Minuten zu spät am vereinbarten Treffpunkt und sehe Michael im Wald herumlaufen. Er sieht mich auch und kommt sofort. Wir umarmen uns und er sagt:

„Komm mit, ich habe eine Überraschung für dich.“

Er geht zielstrebig ins Gehölz, und ich stolpere hinter ihm her. Wir gehen um das niedrige Laubwäldchen herum, da sehe ich ein großes Tor aus Zweigen errichtet und dahinter zwei weitere Mitglieder unserer Männergruppe, die mich trommelnd empfangen. Sie sind tat­sächlich alle um 4.30 Uhr aufgestanden, um mir einen gebührenden Empfang zu geben. Ich stehe ganz gerührt da. Zuletzt spielt der Eine von beiden noch ein Musikstück auf seiner Querflöte für mich. Ich trete feierlich durch das Tor und werde mit offenen Armen und einer warmen, dampfenden Suppe empfangen. Ich ernte bewundernde Blicke und viel Zustimmung:

„Mensch, wir dachten, dich nach drei Tagen und Nächten völlig erschöpft und abgebrannt anzutreffen. Du siehst ja richtig gut aus und hast eine tolle Ausstrahlung“

Ich hatte eine Menge zu erzählen und dankbare Zuhörer. Auf dem Heimweg springen wir noch kurz in den Feringasee und dann geht es zurück nach Freising. Meine Frau empfängt mich mit großen, neugierigen Augen und einer herzlichen Umarmung. Ich bin wieder angekommen.


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