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Als Freiwilliger auf Lesbos im März/April 2016

Alles fing bei der griechisch-orthodoxen Neujahrsfeier im „Schloss“ in München an.

Der Leiter des Kulturvereins „Das Griechische Haus“ sprach von einer geplanten Hilfsaktion für die Flüchtlinge auf der Insel Lesbos. Kurz danach sah ich ein Video zum Flüchtlings-Desaster auf der Insel; tief betroffen von dem Ausmaß ging ich zum Infoabend und Vor­bereitungstreffen im Griechischen Haus. Costa, der Initiator sprach davon, dass wir nicht direkt bei den Flüchtlingen eingesetzt würden, sondern in 2 Lagern mit Kleidung und Kinderspielzeug. Dort kommen laufend eine Menge Spenden aus aller Welt an und werden an verschiedenen Orten ungeordnet eingelagert; entsprechend sieht es dort aus und entsprechend schwierig ist, die jeweils benötigten Dinge zu finden. Unsere Aufgabe besteht also darin, Ordnung in dem Chaos zu schaffen, eine Arbeit. die dringend gemacht werden muss, aber wo es an Helfern mangelt.

Ich meldete mich als einer von 20 Freiwilligen; zu meinem Erstaunen sind die meisten Rentner, der Älteste sogar schon 75 Jahre alt. Die meisten kennen sich seit Jahren vom Griechischen Haus und den dortigen Aktivitäten.

Bei unserem Zwischenstopp in Athen, treffe ich einige andere von unserer Gruppe. Bis zum Anschlussflug ist genügend Zeit, mit der Metro in die Innenstadt von Athen zu fahren. Ich steige am Syntagma-Platz aus und gehe dort spazieren. Viele Läden sind geschlossen, viele Häuser heruntergekommen, aber die Straßen sind sauber; es kommt mir vor, wie damals in der DDR. Bettler laufen mir nach und fragen nach Geld; es sind aber ausschließlich „Zigeuner“. Griechen betteln im allgemeinen nicht, wie ich immer wieder von den Einheimischen höre; diese versuchen stattdessen auf der Straße Dinge, wie Joghurt, Erdbeeren und sonstiges zu verkaufen. Auf dem Rückweg in der Metro geht ein vielleicht 10-jähriges Mädchen mit einer Harmonika durch die Wägen, spielt leidlich dieses Instrument und hofft auf Geld der Passagiere.

Um 20.20 Uhr kommen wir an und werden am Flughafen von Mythelini abgeholt. Erst geht es zur Hauptstadt, dann biegen wir ins Landesinnere ab und landen nach ca. 40 Minuten beim Kloster „Agios Rafail“, wo wir die nächsten Nächte unser Quartier haben. Ich lande in einem einfachen 3-Bett-Zimmer ohne besondere Ausstattung, aber für uns okay, zusammen mit Gerd und Dimitri.

Am nächsten Tag geht es dann nach Morja, wo sich der große „Hotspot“ der Insel befindet.

Erster Eindruck: Hochsicherheitstrakt mit Stacheldraht und alles abgesperrt. Die Flüchtlinge, ca. 1300 Menschen, die seit kurzem hier untergebracht sind, dürfen nicht mehr raus. Sie müssen sich registrieren lassen und abwarten, ob sie gegen Syrer, die in Flüchtlingslagern in der Türkei leben, ausgetauscht  oder in ihre Herkunftsländer zurück geschickt werden.

Auch wir dürfen uns hier nicht frei bewegen; wir müssen auf jemand aus der Lagerleitung warten. Ich sehe eine Baracke mit der Aufschrift „Women´s Safe Zone“; vor dem Eingang stehen aber nur Männer. Kinder tollen herum und spielen mit gespendeten Fahrzeugen. Die Ruhe vor dem Sturm? Etliche junge Männer mustern uns, kommen näher und verschwinden dann wieder.

Da kommt die Leiterin, eine junge Griechin mit gewinnendem Lächeln. Sie wirbt für Verständnis und spricht von der Verunsicherung der Menschen, die seit letzten Sonntag, von einem Tag auf den anderen eingesperrt sind.

Bei den NGO´s kommt das gar nicht gut an; etliche haben unter Protest das Lager verlassen. Doch was können die Griechen dafür. Es ist nicht ihre Entscheidung, sondern die der EU. Trotzdem zeigen gerade die deutschen Medien in ihren Nachrichtensendungen die Bilder die Kasernierung der Flüchtlinge hinter Stacheldraht; die wirklich Betroffenen verhalten sich (noch) ruhig. Doch wie lange wird das so bleiben? Erst einmal ist die Zahl der ankommenden Flüchtlinge auf der Insel stark zurück gegangen, doch für wie lange?

Trotz Handys und Smartphons ist die Mehrzahl der Flüchtlinge schlecht informiert; viele geben den Griechen die Schuld für die jetzige Situation. Auch dass in Deutschland, wohin immer noch fast alle wollen, die Stimmung gekippt ist und die fremdenfeindliche AFD einen beunruhigenden Aufschwung erlebt, ist vielen offensichtlich nicht bekannt.

Verdrängen sie die Realität? Wollen sie die Wahrheit gar nicht wissen und klammern sich an ihrem Traum eines Paradieses im fernen Deutschland? Was wird, wenn sie daraus auf­wachen?

Flüchtlingslager Moria  © L.Zaccaro

Unter der Führung der jungen Griechin gehen wir durch das Lager; auf einmal sprechen uns zwei junge Männer von Frontex auf Deutsch an: „Ich verstehe gar nicht, was sich die deutschen Medien so aufregen! Den Leuten hier geht es doch gut! Bei früheren Einsätzen im Südsudan und in Kabul habe ich ganz anderes erlebt! Dort fehlt es am nötigsten und die Flüchtling bekommen deutlich zu spüren, dass sie unerwünscht sind! Wir können unsere griechischen Kollegen nur ausdrücklich loben für das, was sie hier tun und das sogar trotz der Krise im eigenen Land! Wir sind nur für 2-Monats-Einsätze hier, werden dann durch andere abgelöst und werden obendrein noch gut bezahlt. Die griechischen Kollegen bekommen nur 700 – 800€ im Monat und sind permanent mit den Problemen hier konfrontiert.

Es ist unfair wie in der Presse über dieses Lager berichtet wird! Jeder der jungen Männer hier kann abhauen, wenn er wirklich will! Er muss nur eine Decke über den Zaun werfen und kann dann ohne Probleme verschwinden! Wir wissen von keinem, der es versucht hätte; warum auch, sie haben hier alles, was sie brauchen, ohne Angst vor Krieg und Verfolgung! Es ist in höchstem Grade ungerecht, wie wieder einmal über die „bösen“ Griechen in den Medien berichtet wird!“

Am nächsten Tag geht es nach Koranni, wo wir unseren ersten Einsatz in einem Warenlager haben. Warenlager ist gut gesagt; es handelt sich um eine langgezogene, ca. 300 qm große Halle, vollgestopft mit Spenden aus aller Welt, wie Decken, Kleidung, Schuhe, Kinder-spielzeug usw. verpackt in Kartons und großen Plastiksäcken. Wie sollen wir da Ordnung in das große Chaos bringen? Es wäre sinnvoll, große Schilder mit den entsprechenden Bezeichnungen an den Wänden anzubringen und alles auf großen, offenen Wägen zu stapeln. Doch hier fehlt es anfangs an allem; nicht einmal Filzstifte und Marker sind auffindbar! Immerhin gibt es nahe am Eingang Regale und die Frauen beginnen sofort Schuhe auszupacken und geordnet nach Größen einzuräumen. Wir Männer stehen bei den großen Paketen und Tüten und beraten erst einmal, wie vorgehen. Am Ende der Halle gibt es schon geordnete Stapel; dahinter, wo das Durcheinander beginnt, öffnen wir die Pakete, ordnen sie nach Artikeln und beschriften diese; danach stapeln wir die neu gemachten Pakete auf der gegenüberliegenden Seite. Unterdessen haben wir auch neue Pappkartons und Stifte, was vieles vereinfacht. Inklusive Pause sind wir ca. 5 Stunden beschäftigt. Es ist anstrengend, aber es macht Spaß, zu sehen, wie langsam Ordnung in das Chaos kommt. Bei der Arbeit  © L.Zaccaro

Danach sollen wir von Kleinbus abgeholt werden, den uns das Kloster zur Verfügung gestellt hat. Wir warten und warten, bis uns schließlich die Nachricht erreicht, dass der Bus in einer Demonstration gegen die Internierung der Flüchtlinge stecken geblieben ist. Endlich nach nervender Wartezeit kommt der Bus. Auf dem Rückweg in die Hauptstadt Mythelini fahren wir am Lager in Morja vorbei, um dort dringend benötigte Dinge, wie Einmal-Windeln, Hygieneartikel und anderes abzuliefern. Die Prozedur dauert; erst warten vor dem Tor, bis es sich öffnet, dann werden wir zu verschiedenen Stellen dirigiert, bis wir endlich an der richtigen sind, wo wir unsere Spenden abliefern können. Um die wachsende Unruhe unter den Flüchtlingen nicht noch anzuheizen, herrscht absolutes Photographierverbot. Doch die Frau und das Pärchen, die dabei sind, um unseren Einsatz mit Filmmaterial zu dokumentieren, halten sich nicht ganz daran. Prompt kommt es zu einem Diskurs mit dem jungen Geistlichen, der unseren Bus fährt.

Es ist und bleibt ein beklemmendes Gefühl, die vielen jungen Menschen und Kinder zu sehen, die hinter Stacheldrahtzäunen einer ungewissen Zukunft entgegen harren. Als letzter Eindruck bleiben die Protestparolen wie „Niemand ist illegal“, „Keine Internierung von Flüchtlingen“ und die an den Zäunen befestigten Rettungswesten. Wir sind echt froh, wie wir abends in der Hauptstadt in einer gemütlichen Taverne sitzen.

Unsere nächste Aktion ist es, in Mythelini, Spenden, die mit einem Lastwagen kommen, der an der Straße parkt, in den Keller einer Einrichtung der griechisch-orthodoxen Kirche zu tragen. In einer Kette mit 20 Leuten geht das ruckzuck und macht dementsprechend Spaß.

Am Nachmittag besuchen wir das „Pikpa“, wo schwer traumatisierte Menschen, meist Familien mit Kindern untergebracht sind. Sie befinden sich in einem ehemaligen Jugendlager; geleitet wird es von jungen Menschen aus aller Welt, die sich aufopfernd um diese Menschen kümmern. Es gab da z.B. eine Clown-Truppe aus Schweden, die versuchen, die Menschen aufzuheitern.

Clowns im Pikpa  © L. Zaccaro

Trotzdem, der Anblick, besonders der verstört wirkenden Kinder geht tief. Anders, als in Morja, spielen viele nicht, sondern stehen mit weit aufgerissenen Augen da und blicken ins Leere. Nach meiner Einschätzung brauchen sie jahrelange psychologische Betreuung, um überhaupt zu einem einigermaßen „normalen“ Leben fähig zu werden. Wenn das nicht geschieht, haben sie keine menschenwürdige Zukunft. Was soll später einmal aus ihnen werden? Eine Zukunft in einem geschlossen Heim für psychisch Kranke oder eine Karriere als gewalttätige Kriminelle, wenn nicht sogar Terroristen. Warum schaut Europa da weg, erscheint kein Politiker oder sonst hochrangiger Offizieller, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Tragödie zu machen? Überhaupt komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass es nur eine einzige Lösung des Syrienkrieges gibt. Einen Einmarsch der Alliierten, bestehend aus den wichtigsten europäischen Nationen und Amerikas. Der Krieg muss beendet werden und zwar sofort! Jeder Tag bringt neue Opfer hervor, die eine Gefahr für ihre Umwelt bedeuten können.

Wir haben Syrer gefragt, warum sie nicht für ihr Land kämpfen und die Antwort war immer: „Für wen denn? Kein Mensch hat mehr den Überblick, was da überhaupt abläuft. Es handelt sich längst um mehr als ein Dutzend verschiedenster Gruppierungen, die mit modernsten High-Tech-Waffen aufeinander losgehen. Sie müssen erst einmal entwaffnet werden und es muss verhindert werden, dass sie, wie bereits geschehen, Waffen aus den Nachbarländern, wie Katar und Saudi-Arabien bekommen; dann kann mit den verschiedenen Gruppierungen über einen Frieden verhandelt werden." Dies ist übrigens auch meine Meinung, und die etlicher jungen Griechen, mit denen ich Kontakt hatte.

Doch zurück zu Pikpa: Die Zukunft dieses tollen Projekts ist leider stark gefährdet. Der Bürgermeister will das Lager räumen lassen und ein Ferienlager für SOS-Kinderdörfer daraus machen. Doch die jungen Leute verschiedener NGO´s , die dort aktiv sind, haben schon heftigen Widerstand angekündigt. Überhaupt habe ich dort einen Riesenrespekt vor der heutigen Jugend bekommen. Von wegen nur politisch desinteressierter Smartphon-Freaks! Es gibt Gott sei Dank auch andere! Vor ein paar Tagen bekamen wir von Costas, unserem Leiter der Lesbos-Aktion, die erfreuliche Botschaft, dass die Proteste geholfen haben und das „Pikpa“ erst einmal erhalten bleiben soll.

Wir waren bei insgesamt drei Klöstern und ihren Äbten zu Gast; natürlich auch bei der Äbtistin unseres Klosters, wo wir gegen Spenden nächtigen durften. Sie empfing uns mit dem Pfarrer, der den täglichen Gottesdienst in der Klosterkirche leitet.

Bei der Äbtin unseres Gastgeber-Klosters  © L.Zaccaro

Das Kloster, gegründet 1964, besteht nach dem Tod der Gründerin noch aus 30 Nonnen. Es wurde aufgrund mehrerer Visionen von einer charismatischen Nonne gegründet. Angeblich sah sie in ihren Visionen, wo die Gebeine des heiligen Rafael, Nikolaus und der 12jährigen Irene liegen, die als Märtyrer starben. Sie suchten und fanden tatsächlich die Überreste von drei Menschen. Die Gründerin des Klosters hat im Laufe ihres Lebens 170 Bücher geschrieben, die hauptsächlich von ihren Visionen handeln und die sich offensichtlich gut verkauften. Bis heute sind die Tantiemen die Haupteinnahmequelle des Klosters. Nun, es war eine gute Gelegenheit Fragen zu stellen. Besonders interessierte uns, wie sie zum Flüchtlingsproblem stehen und was sie konkret zur Lösung dieser großen Aufgabe unter-nehmen. „Die Hauptaufgabe der orthodoxen Klöster ist, für die Verfolgten und die Armen zu beten, ihnen Zuversicht und Trost zu vermitteln und ihnen den Weg zu Gott aufzuzeigen. Natürlich tut die Kirche auch etwas nach außen. Allein in Piräus werden 53000 Bedürftige, inklusive Flüchtlinge, hauptsächlich von kirchlichen Stellen versorgt. Allerdings nehmen viele Muslime das Angebot aus religiösen Gründen nicht an. Der Bischof von Piräus persönlich wollte Hilfsmittel an die Flüchtlinge verteilen, doch da ein saudischer Vertreter anwesend war, der Anstoß an dem Kreuz auf seiner Kopfbedeckung nahm, trauten sie sich nicht, die Hilfe anzunehmen.“

Da wir als Gruppe nicht so viele Kontakte zu den Bewohnern hatten, sehe ich es als schwierig an, nachzuprüfen, wie die Bewohner der Insel auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im letzten Sommer damit umgegangen sind. Die Herausforderung war auf jeden Fall immens und die Hilfsbereitschaft zumindest anfangs sehr hoch, wohl auch deshalb, weil ein Großteil der Bevölkerung selber von Flüchtlingen abstammt, Griechen, die 1923, im Zusammenhang mit dem Pogrom an der Kleinasiatischen Küste, hierher gekommen sind.. Gerade von den NGO´s kam der Vorschlag, die Bewohner von Lesbos mit dem Friedens-nobelpreis zu ehren. Doch wir haben auch andere Stimmen gehört, z.B. von den ansässigen Fischern an der Nordküste, die wir am Sonntag besuchten. Es waren wochenlang so viele Boote mit Flüchtlingen unterwegs, dass sie ihrem Lebensunterhalt nicht mehr nachgehen konnten. Desgleichen waren die Parks und Grünanlagen in der Hauptstadt voll mit Flüchtlingen, die mangels Toiletten überall ihre Notdurft verrichteten. Das sorgte sicherlich für Spannungen mit der Bevölkerung, doch wie sie konkret damit umgegangen sind, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Auch hörten wir, dass einzelne Taxifahrer die Notsituation der Flüchtlinge schamlos ausnützten, indem sie Wuchersummen für kurze Strecken verlangten. Außerdem wurden ihnen angeblich für das Aufladen ihrer Handys bis zu 10 Euros, die Stunde abgenommen. Einzelfälle oder nicht? Auch das blieb mir unklar.

Am nächsten Tag waren wir bei der Familie des Besitzers der Lagerhalle in Kalloni, wo wir schon einen Arbeitstag verbracht hatten, eingeladen. Sie sind reich und haben ein großes Haus. Uns erwartete eine Riesen-Tafel; es gab Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise und reichlich Wein. Viel zu viel, doch ausgehungert wie wir waren (im Kloster gab es nur ein karges Frühstück und Mittags versorgten wir uns mit Teigtaschen), genossen wir es entsprechend. Es kam zu interessanten Gesprächen; dann sollte jeder ein Lied singen; für die Griechen kein Problem, doch für uns Deutsche schon. Mit Mühe brachten wir zwei uralte Lieder zustande und ich fasste den Vorsatz, zuhause mit Nina, meiner Frau 2-3 neuere Lieder einzuüben, um in Zukunft für solche Fälle vorbereitet zu sein.

Im Laufe unseres Aufenthaltes waren wir immer wieder auf Besichtigungstour von Klöstern und wurden zu Gesprächen mit den jeweiligen Äbten eingeladen. Das nahm für meinen Geschmack zuviel Raum ein; irgendwann nervte es mich sogar. Wir waren schließlich gekommen, um ehrenamtlich für die Flüchtlingen zu arbeiten und nicht, um Klöster zu besichtigen und den jeweiligen Geistlichen unsere Aufwartung zu machen. Bei unseren Besuchen bei der Geistlichkeit, tauchte immer wieder die Frage auf, wie die hiesige Kirche auf den Flüchtlingsstrom reagiert habe und ob sie genug für diese armen Menschen getan hätten. Die Antworten überzeugten mich nicht wirklich.

Andrerseits wurde mir bewusst, welch wichtige Rolle die orthodoxe Kirche im Leben der Griechen immer noch spielt. Sogar Marxisten und Kommunisten gehen in die Kirche und eine Austrittswelle, wie bei uns, ist in Griechenland undenkbar.

Interessant fand ich das unterschiedliche Verhalten der griechischen und deutschen Helfer. Es dauerte uns Deutschen nach dem kargen Frühstück im Kloster oft zu lange, bis es endlich losging, weil die Abfahrt oft nicht pünktlich vonstatten ging. Während die griechischen Helfer geduldig warteten, begannen die Deutschen, als ausgesprochene Individualisten, sich zu entfernen und mit anderen Dingen zu beschäftigen. Wenn es dann endlich soweit war, musste die Gruppe immer wieder auf Nachzügler warten. Irgendwann regte sich Costas dann auch darüber auf und ich musste ihm Recht geben.

Die Hauptstadt von Lesbos, Mythelini, erinnerte mich an alte DDR-Zeiten; die Häuser waren herunter gekommen, die Straßen und Gehwege durch Unebenheiten und Löcher gefährlich; die öffentlichen Plätze dagegen sauber und ordentlich. Ich sah sogar mehr Abfallkörbe als in Deutschland und kein einziger quoll vor Müll über. Trotzdem war Mythelini nicht mein Fall, und mein Entschluss stand schnell fest, nämlich meine zwei Tage Auszeit nach unserem Einsatz woanders zu verbringen. Bei unserem Sonntagsausflug an der Nordküste entlang, waren wir bei Sonnenuntergang in Molyvos gewesen, einem idyllischen Örtchen, an einem Berghang gelegen, gekrönt von einer Burganlage, und das wurde auch prompt zu meinem Ziel der letzten zwei Tage.

Doch zurück zu unserem Arbeitseinsatz: Auf Anregung der Mehrheit beschlossen wir, einen Abend im Kloster zu verbringen und uns selbst zu verpflegen. Die Nahrungsmittel dafür besorgte Costas. Es wurde wieder einmal spät und als die Tafel endlich eröffnet war, becherten wir zuviel Rezina, Ouzo und Wein. Da begannen unsere beiden Griechinnen lauthals kommunistisch orientierte Widerstandslieder aus ihrer Jungend zu singen; dass etliche Teilnehmer sich aus Uni-Zeiten aus K-Gruppen der 60er Jahre kannten, hatte ich ja schon mitbekommen. Die Stimmung stieg, die Lautstärke ebenfalls, und das in einem Kloster, in dem die Nonnen um 4.30 Uhr aufstehen und mit ihren Gebeten und Exerzitien beginnen. Irgendwann tauchte unser geistlicher Beistand auf und machte unserem Treiben vehement ein Ende. Auch am nächsten Morgen, beim Frühstück kam er wieder auf unsere „Entgleisung“ zu sprechen, worüber ich mich innerlich köstlich amüsierte: Jetzt haben wir es den weltabgewandten und in Visionen abgeglittenen „Damen“ einmal gezeigt, dass es auch eine andere Seite des Lebens gibt!

Nach Abschluss unseres Einsatzes und dem gelungenen Abschiedsessen trennten sich unsere Wege. Die meisten flogen am nächsten Tag nachhause zurück; ich dagegen begab mich mit dem Bus nach Molyvos und entspannte mich dort noch zwei Tage. Sieben Kilometer davon entfernt sah ich während der Busfahrt einem kleinen Hügel, auf dessen Gipfel sich eine Festung befand. Auf Anraten einer Griechin, versuchte ich dorthin zu trampen und siehe da, ich wartete keine fünf Minuten, bis ein Auto anhielt. Die Fahrerin, die mich mitnahm, war eine junge Griechin, die in Stuttgart aufgewachsen ist und perfekt Deutsch konnte. Auf meine Frage zur Rolle der orthodoxen Kirche in der Flüchtlingskrise hörte ich folgendes: „Vom griechischen Staat, der ja wirklich pleite ist, war nicht viel zu erwarten, doch die orthodoxe Kirche sollte sich schämen. Die erste Hilfe kam von den NGO´s und der UN-Flüchtlingshilfe, dann kamen die christlichen Kirchen aus dem Ausland und ganz zuletzt trat auch unsere Kirche in Aktion. Trotz gegenteiliger Behauptung ist die orthodoxe Kirche reich und hätte viel eher und stärker reagieren müssen!“

Auf dem Rückweg: Da habe ich mir etwas eingebrockt, mit meiner Idee, auf dem Landweg, der Balkanroute, nachhause zu fahren.

Ich habe als erstes die Fähre von Lesbos nach Piräus genommen; sie kam in der Dunkelheit um 6 Uhr morgens an. Wohin ich schaute, sah ich Flüchtlingszelte der UN; zwischen ihnen Wäscheleinen, an denen Kleidung hängt. Dieser Anblick war nicht gerade einladend. "So sieht also die Sammlung der Flüchtlinge auf dem Festland aus! Nicht einmal richtige Sanitäranlagen, nur Dixi-Clos; von Intimsphäre keine Spur! Hier kommen alle die, die Schiffe benützen wollen, vorbei. Wer wohl auf so eine Idee gekommen ist?" Ich sehe einen Shuttlebus, zur Metro; er ist kostenlos und ich nehme das Angebot sofort an.

Nach zwei Tagen Aufenthalt bei guten Freunden in Athen fahre ich mit dem Zug weiter nach Thessaloniki. Gegenüber vom Bahnhof sehe ich die ersten Flüchtlingsfamilien, am Boden kauernd. Links davon fahren die internationalen Busse ab. Es warten nur wenige Passagiere auf den Bus nach Mazedonien. Die Flüchtlinge versuchen es erst gar nicht. Es wird wohl so sein , wie bei den Fähren: Für Flüchtlinge gibt es keine Tickets! Der Busfahrer sagt, es gäbe keine Probleme, über die mazedonische Grenze zur ersten Zugstation zu fahren, wo aus man weiter nach Belgrad kommt. Von wegen: 25 km vor der Grenze fängt es an. Überall an den Tankstellen und Raststellen stehen UN-Zelte und laufen Familien mit ihren Kindern herum. Plötzlich überholt uns ein Taxi und stellt sich vor uns quer mit blinkender Warnanlage: „Eine große Gruppe von Flüchtlingen blockiert die Ausreise sämtlicher Fahrzeuge.“ Er will uns überreden, die 20 km mit ihm mit dem Taxi zur Grenze zu fahren. Von da aus sind es nach seiner Aussagen nur noch 600 m zu Fuß bis zur mazedonischen Grenze. Sofort kommt der Protest von zwei Smartphonbesitzern: „Das stimmt nicht! Es sind mehr als zwei Kilometer, ein Marsch von mindesten einer halben Stunde!“ Wir bleiben im Bus, der dann auch tatsächlich weiterfährt, bis nichts mehr geht. Mindestens hundert Männer blockieren die Weiterfahrt; ihnen gegenüber stehen die aufgebrachten Lastwagenfahrer, die ihre Waren nicht mehr ausliefern können; dazwischen das griechische Fernsehen und die Zeitungsreporter. Ein Stück weiter stehen Polizisten mit Schildern und Schlagstöcken.

So kann man es also auch machen! Die einen, die Mazedonier lassen die Flüchtlinge nicht mehr ins Land, die anderen, die Flüchtlinge lassen niemanden Motorisierten mehr aus Griechenland ausreisen. Damit machen sie sich bei den Griechen keine Freunde, aber das ist ihnen wohl egal. Hier im krisengeschüttelten Griechenland bleiben, will eh niemand. Und schon wieder werden Probleme auf dem Rücken der Griechen ausgetragen, die am wenigsten an der ganzen Misere schuld sind! Oder hat man schon einmal von griechischen Waffenlieferungen an die arabische Welt (Saudi Arabien, Katar) gehört, die auf wundersame Weise beim IS und den anderen Rebellengruppen landen?

Doch zurück zu uns: Wir bahnten uns den Weg durch die aufgebrachte Menge; dann der lange Weg mit meinem viel zu schweren Gepäck. Die jungen Leute eilten davon und ließen mich allein zurück. Wenigstens nicht allzu viele Löcher und Unebenheiten auf der Straße; trotzdem muss ich mit meinem unterdessen schmerzenden Rücken höllisch aufpassen. Jetzt nicht auch noch den Fuß verstauchen oder gar stürzen; davon hatte ich letzte Nacht geträumt und mir beim Aufwachen fest vorgenommen, jeden Moment aufmerksam und bewusst zu sein. Die Nacht bricht langsam herein und die Grenzlichter wollen einfach nicht näher kommen. Ich bin schweißüberströmt und brauche eine kurze Pause. Doch das Aufnehmen des Rucksacks und Wiederaufsetzen auf den Rücken ist dafür umso unangenehmer! Endlich, schon in der Dunkelheit, erreiche ich mein Ziel und passiere zuerst die griechische und dann die mazedonische Grenze.

Fünfzig Meter entfernt sehe ich das letzte Taxi wegfahren. Ich sehe im Geiste schon den Zug ohne mich abfahren und mich 24 Stunden an diesem öden Grenzort verbringen. Doch plötzlich stoppt das Taxi und kommt im Rückwärtsgang auf mich zu. Vorne, neben dem Fahrer sitzt der junge Kanadier, der mit mir im Bus war; er hat mich kommen gesehen und dem Taxifahrer Bescheid gesagt. An unserem Ziel, dem Bahnhof, von dem aus unser Zug weiter nach Belgrad fährt, zahle ich das Taxi. Der junge Mann bedauert, er habe keine Euros mehr und der nächste Bankomat sei zu weit weg. Ich bin ihm nicht böse, denn gerade fährt unser Zug ein, der einzige an diesem Tag.

Der Zug ist in einem erbärmlichen Zustand; die Sitze sind zerschlissen, die Toilettentüren nicht verschließbar, innen ist es völlig verdreckt und Wasser gibt es auch keines. Mazedonien als Armenhaus Europas? Ich entdecke, dass es einen Waggon gibt, der in einem besseren Zustand ist, anscheinend die 1.Klasse, aber nicht als solche ausgezeichnet. Sogar die Sitzlehnen kann man hochklappen und sich bequem hinlegen. Ich schlafe sofort ein und bekomme nichts mehr bis zur serbischen Grenze mit. Ab Belgrad haben die Züge dann wieder europäischen Standard, und der Rest meiner persönlichen Balkanroute verläuft ohne besonderen Vorkommnisse. Trotzdem bin ich heilfroh, als ich am dritten Morgen wieder in Neumarkt St. Veit eintreffe und dort, am Bahnhof, schon meine Frau auf mich wartet.


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