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Bolivien

Gleich bein Eintritt ins Land sieht man das mit einer Schaerpe geschmueckte Bild von Eva Morales Ayma (Das Ayma weist daraufhin, dass er dem Indigenenstamm der Aymara angehoert), dem sozialistischen Praesidenten Boliviens. Er ist der erste Ureinwohner in Suedamerika, der es zum Staatschef gebracht hat, die Bolivianer haben ihn gewaehlt, weil er versprochen hat, sich fuer die Armen und sozial Benachteiligten einzusetzen. Nun befindet er sich in der zweiten Wahlperiode, doch von Aufbruchsgefuehlen, Enthusiasmus ist bei der Bevoelkerung nicht viel festzustellen!

Bolivien ist nach wie vor das aermste land Suedamerikas; die Menschen sind nicht besonders kommunikationsfreudig, schon gar nicht neugierig, wie in Peru. Ich empfinde sie als introvertiert und teilweise sogar als resigniert. Diese Meinung teile ich mit vielen anderen Reisenden, die wir trafen. Soweit mein erster Eindruck von Bolivien.

La Paz:

Zuerst ging es mit dem Bus durch den Nationalpark "Sajama", eine bizarre Landschaft mit ungewoehnlichen Felsformationen, verursacht durch jahrhundertlange Erosion.

Dann La Paz; Schock und Schwindel ergreift mich zugleich! Die 1 1/2 Millionenstadt ist in einen Riesenkessel hineingebaut oder -gewachsen; nur ganz unten ist es flach. Es ging in unendlichen Serpentinen ueber eineinhalb Stunden im Schrittempo bergab. Des Bus-Terminal befindet sich im unteren Drittel; ich halte es kaum vor Atemnot aus.

Ein Paerchen aus Australien, die wir im Bus kennengelernt hatten, geht mit uns zu einem Radio-Taxi, das uns fuer umgerechnet 1,20 Euro zur "Hospedaje Millenio" bringt. Ein Zimmer mit zwei Betten kostet die Haelfte von dem, was wir in Chile bezahlt hatten, ein Fruehstueck mit Ei und Saft nur 1,50 Euros. Unser erster Eindruck von unserer Pension war gut; nettes hilfsbereites Personal, das uns gleich mit Tipps weiterhalf.

So haben wir uns in die Altstadt begeben und sind am "Plaza Murillo" gelandet. Zwei gewaltige Kathedralen, beide leider geschlossen und der Regierungspalast, bewacht von mehreren jungen Maennern in farbenpraechtigen Gewaendern und Gewehren an der Seite. Fotografieren kein Problem! Es wird Taubenfutter verkauft und etliche Familen lassen sich mit ihren Kindern und Tauben auf den Schultern fotografieren, eine Szene, die mich an meine Jugend auf Urlaub in Venedig erinnert.

Es wimmelt von Strassenverkaufern, die auch ohne Probleme Kaeufer finden; Strassenverkauf glit nicht als anruechig, wie in Deutschland, im Gegenteil, die Passanten machen gerne davon Gebrauch.

Ueberall fallen mir Grafitis mit Lobeshymnen auf den Praesidenten auf, ich entdecke aber auch Beschimpfungen; ist das Land gespalten, was Evo Morales betrifft? Tatsaechlich habe ich bald die Gelegenheit mit einem peruanischen Geschaeftsmann ein Gespraech ueber ihn zu fuehren. "Bolivien ist kein freies Land wie Peru, genauso nicht wie Castros Kuba oder Chavez´Venezuela! Wenn du dich als Geschaeftsmann nicht mit dem Praesidenten und seinen Funktionaeren arrangierst, bekommst du sofort Probleme. Ausserdem unterstuetzt das System die Faulen, die nicht arbeiten wollen! Wenn du es mit deiner Haende Arbeit zu etwas gebracht hast, erregst du schnell den Neid derjenigen, die versagt haben. All dein Besitz ist in steter Gefahr; irgenseiner kann behaupten, du haettest dir deinen Besitz auf illegale Weise erworben; du bekommst eine Aufforderung innerhalb von 5 Tagen nachzuweisen, was dir gehoert, was aus buerokratischen Gruenden gar nicht moeglich ist! So wird dein Eigentum vom Staat konfisziert und du kannst nichts dagegen unternehmen. Genau das ist einem guten Freund von mir vor kurzem passiert!"

Gedanken zu Bolivien:

Sowohl in Peru, als in Bolivien, stellen die Indigenes (Indio gilt als Schimpfwort) den Hauptteil an der Bevoelkerung, wobei es kaum mehr reine Ureinwohner gibt, sondern es sich um Mestizen handelt, bei denen der spanische Anteil in den Genen nur noch ca. 20% ausmacht. Die beiden grossen Staemme, die Aymaras und Chechuas sind in beiden Laendern stark vertreten; umso erstaunter bin ich, die Bevoelkerung so verschieden zu erleben.

In Peru muss du schauen, schnell an jedem Touristenstand oder -laden vorbei zu bekommen, ansonst wirst du massiv bedraengt, etwa zu kaufen; in Bolivien dagegen sitzen die Verkaeufer da und warten darauf, dass du sie ansprichst. Das letztere finde ich erst einmal angenehmer, doch wie sieht es mit dem Umsatz aus? Ich bin sicher, dass die Peruaner deutlich besser abschneiden!

Weiterer auffallender Unterschied: die Peruaner suchen Kontakt, die Bolivianer im allgemeinen nicht! Und das, obwohl es sich um die gleichen Volksstaemme handelt. Auf der Fahrt mit dem Bus von La Paz nach Cochabamba (9 1/2 Stunden) war es ausser dem nervenden Fernseher ungewoehnlich ruhig; rechts vor uns sassen zwei Maenner; sie wechselten waehrend der ganzen Fahrt kein einziges Wort miteinander, obwohl sie immer wieder in dem gleichen christlichen Buechlein lasen, das sie von einem fliegenden Haendler erworben hatten. Das haette auch in Deutschland sein koennen! Wie ist das moeglich, dass sich die gleichen Volksstaemme in zwei verschiedenen Laendern so verschieden verhalten? Im sehenswerten Coca-Museum in La Paz hatte ich tatsaechlich die Moeglichkeit, mit einem Einheimischen ein tiefergehendes Gespraech zu fuehren.

"Ihre Beobachtung, dass die Bolivianer sehr reserviert, fast schon resigniert wirken, ist richtig! Kein Land in der Welt hat in der Zeit seiner Existenz soviele politischen Umstuerze erlbet, wie Bolivien. Die Menschen haben kein Vertrauen in die Politik und Wirtschaft; sie glauben nicht mehr daran, dass sich wirklich etwas veraendert!"

"Und was ist mit Evo Morales, der sich angeblich fuer die Armen und Unterdrueckten einsetzt?"

"Der Mann hat Charisma und ist ein wichtiger Faktor fuer die Stabilitaet im Lande; deshalb haben ihn die Bolivianer ja auch zum 2.Mal gewaehlt! Doch die Hoffnungen, die die Menschen in ihn gesetzt hatten, konnte er nicht erfuellen. Die Korruption ist unter ihm nicht weniger geworden, sondern eher mehr! Er hat die auslaendischen Fachkraefte aus Italien und Frankreich weggeschickt, die Nordamerikaner sowieso und mit unfaehigen Leuten aus seiner Partei ersetzt. Bolivien ist reich mit Bodenschaetzen gesegnet, hat das weltweit groesste Vorkommen an Lithium, doch wenn das technische "Know-How" fehlt, um es abzubauen, hilft das alles nichts!!"

"Warum schickt die bolivianische Regierung nicht junge Leute ins Ausland, um sie entsprechend auszubilden?"

"Tut sie ja, doch die meisten kommen nicht mehr zurueck! Sie wissen, dass ihnen die beste Ausbildung nichts hilft, wenn sie nicht in der richtigen Partei sind und genau das tun, was ihre Vorgeetzten von ihnen wollen, egal wie unsinnig es auch ist! Die Menschen im Land haben resignieret, Evo ist nicht mehr das Idol, sondern das kleinstmoegliche Uebel! Wie er z.B. das letzte Mal Hugo Chavez in Veernezuela besucht hatte, explodierten die Benzinpreise; zurueckgekommen und mit den Protesten konfrontiert, nahm er einen Teil der Erhoehung wieder zurueck. So kann man eine Preiserhoehung auch verschleiern! Ueberhaupt Chavez; viele Bolivianer befuerchten, dass Evo Morales einen aehnlichen Weg einschlaegt, wie Venezuela! Die letzten Wahlen dort waren eine Farce, doch keiner traute sich, etwas zu sagen!"

Ich kann solche Aussagen natuerlich nur schwer beurteilen, doch was ich feststelle spricht nicht gerade fuer die richtige Politik. Die Strassen sind in einem katastrophalen Zustand, Bolivien ist immer noch das aermste Land Suedamerikas, ueberall liegt Muell herum und von Umweltbewusstsein sehe ich keine Spur! Bolivien hatte ich mir wirklich anders vorgestellt!

Sorata:

Wo es den in Bolivien wirkllich schoen ist? In Copacabana am Titicacasee gefiel es uns ganz gut, auch wenn es sehr touristisch war! Am Abend in einem Restaurant, schwaermte uns der junge Kellner von Sorata vor, einem kleinen Ort in den Yungas; es handelt sich um steil vom Altiplano abfallende gruene Haenge.

Wir fuhren tatsaechlich dorthin und waren erst einmal enttaeuscht. Die Mitte des Ortes ist aufgerissen,; ueberall liegen Hindernisse herum oder befinden sich Loecher in der Strasse. Die Strasse soll asfaltiert werden, wird uns gesagt, doch bis jetzt ist es nur eine aufgewuehlte Staub- und Schutthalde! Viele Haeuser befinden sich in einem schlechten Zustand, einige sind teilweise eingestuerzt; wir sind auf dem bolivianischen Land angekommen! Im Touristenbuero wollen sie uns eine Karte der Umgebung fuer 20 Dollar verkaufen; bis auf eine Tour braeuchten wir unbedingt einen Fuehrer und der ist auch nicht gerade guenstig. Unser Herbergsvater ist ein komischer Kauz, der dauernd den Gaesten nachlaeuft uns sie kontrollieren will. Die Fahrt hierher war offensichtlich ein Fehlschlag; gleich morgen wollen wir weiter!

Doch frueh morgens auf der Terasse sehen wir, wie die Berge aus Nebelschwaden auftauchen, alles ist gruen und die frische Luft steigt uns in die Nase. Wir sind 1000 Meter tiefer als zuletzt im Altiplano; die Anstrengung bei jedem Schritt ist wie weggeblasen! So sind ganz schnell zwei Entschluesse gefasst: Blitzumzug ins "Hostal Reggae" und Aufbruch Richtung "San Pedro-Grotte". 2 1/2 Stunden sind wir durch herrliche Berglandschaft unterwegs, nur die Abfallhalden stoeren. Wir sind ohne Fruehstueck aufgebrochen, wollten bei einem Schweizer Baecker fruehstuecken, der seit 20 Jahren in der Gegend wohnt.

"Was bringt einen Mann aus einem der saubersten Laender der Welt dazu, mit seiner Frau ausgerechnet nach Bolivien auszuwandern?"

Das haette mich brennend interessiert, doch er war leider nicht da und sein Cafe geschlossen! So geht es also mit nuechternem Magen weiter; unterhalb der Grotte soll es Essensstaende geben. Ziemlich erschoepft errreichen wir unser Ziel. Das kann doch nicht wahr sein - alle Staende sind geschlossen! Weiter oben sehen wir den Eingang zur Grotte und eine Frau. Also noch einmal ein Anstrengung; wir erreichen den Platz und treffen auf eine aeltere und junge Frau mit kleinem Kind; sie verwalten die Kasse mit den Eintrittskarten; sie haengt sich an ihr Handy; in einer halben Stunde ist jemand da und es gibt dann etwas zu essen.

Nina will in der Zwischenzeit schon in die Grotte, ich fuehle mich zu erschoepft; ausser einer argentinischen Familie sind wir die einzigen Besucher. So bieten sie uns einen verbilligten Eintritt von umgerechnet 1,20 Euros an. Gott sei Dank hat Nina Cocablaetter dabei; ich stecke sie in eine Backe und zutzle daran; echt ein Geschenk des Himmels! Die Wirkung kommt schnell und ich fuehle mich gestaerkt fuer ein neues Abenteuer. Unfassbar dass der Genuss von Cocoblaettern in fast allen Laendern der Erde verboten ist! Ist es wirklich so schwehr, den Unterschied zwischen Cocablaettern und Kokain anzuerkennen? Nur dank Cocablaettern habe ich eine der schoensten Hoehlen meines Lebens erleben und geniessen duerfen!

Es geht mindestens 500 m in die Hoehle hinein und sie ist gut beleuchtet. Nach einer Weile stiessen wir auf einen unterirdischen See, den wir mit einem Tretboot durchquerten. Danach sind wir auf einem mit Pfosten und Seil gesicherten Weg oberhalb des Sees entlang gelaufen. An zwei Stellen gab es Leitern, an den man nach unten in Nischen am Wasser hinabsteigen konnte. Insgesamt waren wir 45min in der Hoehle; wir genossen es als ein ganz besonderes Erlebnis!

Danach gingen wir zurueck zu den Essenstaenden, von denen einer unterdessen besetzt war; eine junge Frau verwoehnte uns mit frischen Broetchen, reichlich belegt mit Fleisch, Kaese, Bratei, Tomaten und Zwiebel. Koestlich und das fuer nur ein wenig mehr als 1 Euro pro Semmel! Danach legten wir uns auf zwei Baenke und hielten Siesta. Ploetzlich begann es zu donnern und blitzen und schon fielen die ersten Regentropfen; wir fragten die Frau, ob sie nicht ein Taxi fuer uns rufen koennte. Sie tat es; allerdings konnte das Taxi wegen einer Baustelle nicht bis zur Grotte fahren; so schloss die Frau ihren Stand, wir waren eh die einzigen Kunden gewesen, nahm ihre fuenfjaehrige Tochter an der Hand und wir brachen gemeinsam zu Fuss auf. Wir waren ca. 20min zu Fuss unterwegs und sie erzaehlte uns dabei kurz von ihrem Leben.

Sie ist alleinerziehende Mutteer; der Vater ihrer Tochter verlies sie, als sie im 4.Monat schwanger war. Er lebt jetzt weit weg mit einer anderen Frau zusammen und hat sein Kind kein einziges Mal gesehen. Sie wohnt ganz in der Naehe der Grotte und lebt von ihrem Stand und ihrem Vater, der sie finanziell unterstuetzt. Es war das 1.Mal, dass wir die Geschichte einer Einheimischen hoerten!

Ausgangsverbot:

Am Abend des 20.11. kamen wir in Cochabamba an, 1000m tiefer gelegen als La Paz. Wir sind geschafft; statt 6-7 Stunden waren wir 9 1/2 Stunden unterwegs gewesen; ewig lang ging es auf endlosen Serpentinen bergab, immer wieder nur im Schrittempo hinter einem Lastwagen; kaum war er ueberholt hingen wir schon wieder am naechsten dran. Endlich unten, ging es ueber 1 Stunde durch die Vororte von Cochabamba; dann hielt der Bus am Strassenrand; Endstation; wir konnten den Terminal aufgrund der verstopften Strassen nicht erreichen!

Mit dem Taxi ging es zum "Hostal Mexiko", einer heruntergekommenen Herberge, doch wir hatten keine andere Wahl, als erst einmal dort zu uebernachten. Es war uns naemlich dringend geraten worden, noch Noteinkaeufe zu taetigen, da morgen alle Laeden und Restaurants wegen der landesweiten Volkszaehlung geschlossen haetten. Wir schlugen uns mit Muehe zum Hauptmarkt durch dichten Verkehr durch; auf dem Weg dorthin stiessen wir nur auf Staende mit Suessigkeiten und Knabberzeug. Dort angekommen, trafen wir ueberall auf Riesen-schlangen von Menschen, die sich um alles Essbare draengten. Wir bekamen die letzten Mangos, Pizzaboeden statt Brot und etwas Kaese. An einem Imbissstand ergatterten wir noch eine warme Mahlzeit und dann ging es zurueck zu unserer Herberge und ab ins Bett.

Am naechsten Morgen, gut ausgeschlafen, entschlossen wir uns zu einem Blitzumzug ins "Hostal Jardin", 10 min zu Fuss entfernt. Dort trafen wir gleich auf andere Rucksacktouristen, einen angenehmen Garten mit Stuehlen und Tischen und nettes Personal. Uns reizte es, Cochabamba menschenleer, ohne Verkehr und Staus zu erleben; so packten wir das Notwendigste zusammen und wollten gerade das Hostal verlassen, als uns der Hauswirt aufhielt.

"Bis um 24 Uhr ist es verboten, sich auf den Strassen aufzuhalten!" "Und unser Umzug?"

"Ihr ward doch bestimmt nur auf Seitenstrassen unterwegs; im Zentrum, wenn ihr von der Polizei angehalten werdet, muesst ihr eine Geldstrafe bezahlen; es ist besser, wenn ihr hier bleibt!"

So sind wir also zu einem 24 stuendigen Ausgangsverbot gekommen! Auf diese Weise kamen wir zu einem intensiveren Kontakt zu einer allein reisenden Deutschen, die an einem Freiwilligenprojekt teilgenommen hatte und jetzt drei Monate auf Reisen war.

Sucre und Tarabuco 25.11.

Wir sind seit gestern in Sucre, einem schoenen Stadtchen im Suedosten Boliviens; ploetzlich sehen wir viel mehr europaeische Gesichter und fuehlen uns an Italien erinnert. Die Fahrt dorthin war allerdings der Horror schlechthin. Von Cochabamba aus sind um 20 Uhr ca. 15 Busse zur gleichen Zeit im fuer die Stadt viel zu kleinem Terminal abgefahren; es ist mir schier unbegreiflich, wie so etwas moeglich sein kann. Die Busse bloquierten sich gegenseitig, rangierten ewig hin und her, bis schliesslich nach einer 1/2 Stunde alle den Terminal verlassen hatten. Wie viel einfacher ware es bei gleitenden Abfahrzeiten; hat da noch niemand darueber nachgedacht? Es verging danach die uebliche Stunde im Schrittempo, bis der Bus die verstopften Strassen Cochabambas hinter sich gelassen hatte. Bei der Herfahrt hatte der Busfahrer uns und die anderern Fahrgaeste einfach am Strassenrand abgeladen, da er keine Moeglihkeit sah, den Busbahnhof zu erreichen. Das ist eben Bolivien! Zu den verstopften Strassen kommt noch, dass jeder freie Platz auf den Buergersteigen mit Verkaufsstaenden besetzt ist und die Fussgaenger deswegen dauernd auf die Strasse ausweichen muessen. So extrem wie hier, habe ich das noch nirgendwo erlebt!

Doch zurueck zu unserer Fahrt von Cochabamba nach Sucre. Wir hatten "Semicama" (Bussitze, die in halbe Liegeposition gebracht werden koennen) gebucht, doch dies war sinnlos; wir wurden 10 Stunden lang heftig durchgeschuettelt, vom Schlafen konnte keine Rede sein. Nina wurde es schlecht; sie hustete und spukte verzweifelt vor sich hin; mir taten alle Knochen weh. Der einzige Lichtblick war eine junge Bolivianerin, die fliessend Englisch sprach; sie hatte lange Zeit in Nordamerika gelebt.

Angekommen, fuhr uns ein Bekannter von ihr ins Zentrum von Sucre, wo sich guenstige Pensionen befinden. Beim 2.Versuch wurden wir fuendig. Im "Hostal Charas" quartierten wir uns fuer 80 Bolivianos (10 Euros) die Nacht ein. Wir stellten unsere Sachen ab und fielen erst einmal erschepft ins Bett.

Am naechsten Tag war ein Eingeborenenmarkt in Tarabuco, 1 1/2 Stunden von Sucre entfernt. Mit 10 anderern Touristen fuhren wir von unserem Hostel aus dorthin; trotz wenig Verkehr waren wir 2 Stunden im Bus unterwegs. (Traue keiner Zeitangabe eines Bolivianers!) Die wirklichen Ureinwohner sind einen Kopf kleiner als die, welche wir fuer solche gehalten hatten, die Indigenes mit spanischen Wurzeln. Ansonst konnten wir keinen Unterschied im Aussehen feststellen, im Verhalten allerdings schon! Zum 1.Mal in Bolivien wurden wir massiv von Haendler angegangen, die uns auf Teufel komm raus, etwas verkaufen wollten; nicht einmal beim Essen in einem Restaurant hatten wir Ruhe! Wir verliesen den Touristenmarkt und landeten bald auf dem wirklichen Einheimischenmarkt und dann weiter in einen Aussenbereich des Ortes. Niemand gruesste uns, auch nicht als Antwort auf unsere Gruesse! So ein Verhalten stinkt mir; ich will nicht als wandelnder Geldbeutel gesehen, sondern als Mensch wahrge-nommen werden!

Da lobe ich mir Begegnungen, wie wir eine im "Cretacico-Park, dem Dino-Park" hatten, wo wir u.a. die Fussspuren von Dinosaurern sehen konnten, die zufaellig beim Zementabbau entdeckt wurden. Beim Ausgang sprach uns ein junger Angestellter in gutem Deutsch an; er hat im hiesigen Goetheinstitut studiert und zeigte ich gleich sehr kontaktfreudig. Wir machten gleich fuer den naechsten Tag ein Treffen mit ihm aus. Er kam auch tatsaechlich, hatte seine Frau Nancy dabei und lud uns zu sich nachhause ein. Er holte recht bald seine Gitarre heraus und erfreute uns mit Liedern der Beatles und bolivianischen Liedern in Chechua. So einen Abend hatten wir in Bolivien bisher noch nicht erlebt. Juan Carlos, so ist sein Name, liess es sich auch nicht nehmen, uns am naechsten Morgen, seinem freien Tag, zu besuchen und mit uns zu einem kleinenm Oertchen namens "Yotala" zu fahren; von dort wanderten wir in ein kleines Tal mit einem Fluesschen. Fast haetten wir den letzten Bus verpasst; als Dank, dass dieser auf uns gewartet hatte, unterhielt er die Mitfahrenden mit seinen Liedern; der ganze Bus sang begeistert mit; es war echt ein gelungener Tag fuer uns alle.

Am Abend erzaehlte er uns seine Geschichte. Als er 19 Jahre alt war, verunglueckten seine ueber alles geliebte Schwester und eine Cousine bei einem Autounfall toedlich. Daraufhin verfiel er in tiefe Depressionen, landete schliesslich bei einem Psychiater, der ihm 4 verschiedene Medikamente verschrieb, die er seitdem. also seit 12 Jahren taeglich einnimmt. Er ist ueberzeugt, nur durch diese Medikamente stabil zu sein und arbeiten zu koennen. Ist es nicht merkwuerdig, dass der einzige Bolivianer in 3 Wochen, zu dem wir freundschaftliche Gefuehle entwickeln konnten, ein vom Schicksal schwer geschlagenenr Mann ist, also eine Ausnahme in der bolivianischen Gesellschaft darstellt?

Sucres ganzer Stolz ist das "Museo de la Libertad";wir sind auch dorthin und waren masslos enttaeuscht. Warum? Dazu mein Eintrag ins Gaestebuch uebersetzt ins Deutsche:

"Fuer mich ist das Museum eine einzige Glorifizierung maennlichen Schein-Heldentums! Komplett fehlt mir eine systematische Chronologie der bolivianischen Geschichte! Ist es nicht eine Tatsache, dass Bolivien seit seiner Staatsgruendung ueber 200 Staatsstrreiche erlebt hat? Wie kam es dazu? Stimmt es, dass Bolivien das aermste Land Suedamerikas ist? Woran liegt das? Wo kann ich die Geschichte des kleinen Mannes, des Mineros und des rechtlosen Landarbeiters finden, die erst von den spanischen Eroberern und dann spaeter von den einheimischen Grossgrundbesitzern und Eigentuemern der Minen ausgebeutet wurden und bis heute weiter ausgebeutet werden?

Bei den Wasserfaellen:

Die Dame an der Rezeption unserer Herberge hat uns Pable, einen jungen Mann vermittelt, der uns eine "leichte" Tour mit dem Mountainbike zu den 7 Wasserfaellen empfahl. Am Treffpunkt gesellte sich noch ein kraeftier junger Israele zu uns dazu. Wir hatten die Vorstellung, dass wir zuerst mit dem Bus in die Natur fahren und dort ein Rad gestellt bekommen wuerden, um damit einen Ausflug zu den Wasserfaellen zu unternehmen.

Von wegen; wir holten die Raeder um die Ecke ab und quaelten uns erst einmal 1 1/4 Stunden durch den dichten Verkehr von Sucre; kein Fahrradweg, Loecher in der Strasse; des weiteren Gullydeckel und andere Hindernisse im Weg - nichts mit gemuetlicher Spazierfahrt wie in Deutschland! Wir waren heilfroh, wie wir von der Strasse in eine Sandpiste einbogen. 500 m weiter stellten wir unsere Fahrraeder in einem Gehoeft ab und gingen weiter zu einem weit unten liegenden Tal. Bald erreichten wir das Flussbett; er fuehrte sowenig Wasser, dass wir nur ein einzies Mal unsere Schuhe ausziehen mussten, um ihn zu durchqueren. Die ersten 3 Wasserfaelle, die wir erreichten, waren nicht sehr spektakulaer, zum vierten mussten wir durch einen Tuempel ueber rutschige Steine balancieren.

Spaetestens jetzt musste dem Fuehrer klar geworden sein, dass dies keine leichte Tour fuer uns war. Wir kletterten dann weiter zum 4.Wasserfall hinauf, genauer gesagt, wir wurden von den zwei Maennern hinauf gezogen; dort befanden sich zwei grosse Wasserbecken mit Wasserfall in einer Ecke und ein Picknickplatz im Schatten. So richtig geniessen konnte ich dies alles leider nicht, denn mir grauste vor dem Rueckweg! Das kalte Wasser beruhigte allerdings meine Nerven und die Brote mit Wurst, Kaese, Tomaten und Kaese taten gut. Unser "Guide" erzaehlte uns, dass man den Wasserfall hinauf weiter bergauf klettern und auf diese Weise 4 weitere Wasserfaelle erreichen koennte; es sei allerdings ratsam, richtige Kletterausruestung dabei zu haben. Doch der schoenste Platz sei der, wo wir uns gerade befanden.

Nun war der Moment des Abstiegs gekommen; dummerweise lies ich Nina den Vortritt, sie musste, den Wasserfall zwischen den Beinen, an dem Felsen vorbei. Es dauerte einige Zeit, bis sie das kurze Stueck bewaeltigt hatte; doch allein durch das Zusehen wurde ich voellig blockiert! Ueber einen hinabstuerzenden Wasserfall hinabzusteigen, du meine Guete! Ich brauche einen stabilen, festen Untergrund! Was tun also? Ein Stueck weiter, gab es die Moeglichkeit, ein Stueck auf dem Hosenboden hinab zu rutschen und dann zu springen! Springen und das mit meinem operierten Knie? Am Ende ging es auch ohne; ich bin von dem "Guide" und Nina aufgefangen worden.

Dann zurueck durch das Flussbett und zuletzt steil bergauf bis zu dem Haus, wo wir unsere Fahrraeder zurueckgelassen hatten. Trotz aller Erleichterung, den 1.Teil dieser Strapazen ueberstanden hatte, stand uns noch ene weitere Herasusforderung bevor. Um die Mittagszeit ueber 1 Stunde ohne Schatten, bergauf!

"Gibt es in Bolivien keine Siesta?" "Nein!"

Als wir endlich am Ort und dem dortigen Laden angelangt waren, schuetteten wir gleich drei Erfrischungs-getraenke hintereinander hinunter. Die hatten wir auch dringend noetig, denn danach ging es noch einmal ueber 1 Stunde durch dichten Verkehr in Sucre. Wir waren froh, als wir unsere Mountainbikes endlich los waren!

Am Tag vorher hatten wir Interesse an der 2tägigen Tour zum Krater Managua (7Stunden Fussmarsch) gezeigt. Der "Guide" verlor keine Wort mehr darueber; er war wohl genauso froh, wie wir, dass das Abenteuer vorbei war!

29.11.

Wieder eine Nacht unterwegs (11 Stunden), um nach Tarija zu kommen; eigentlich wollten wir in der Bergarbeiterstadt Potosi halt machen; es gibt dort gefuehrte 4stuendige Touren in ein Bergwerk, um hautnah mit zu bekommen, unter welchen Bedingungen die Kumpels dort arbeiten. Laut "Lonely Planet" eine heftige, hochinteressante und gleichzeitig schockierende Erfahrung, die ich gerne gehabt haette. Dazu sollte man koerperlich fit sein und keine Probleme mit der Atmung haben; im Zweifelsfall sollte man besser darauf verzichten! Ich habe mir schon wieder den rechten Fussknoechel verstaucht - ein Fingerzeig des Schicksals?

So blieben wir im Bus und es ging weiter bergab in das Weinstaedtchen Tarija, das eine Durchgangsstation auf unserer Weiterfahrt nach Paraquay sein sollte. Trotzdem ein kurzer Ueberblick: Die Bevoelkerung sieht sehr spanisch aus; die Indigenes sind plotzlich in der Minderheit. Es ist sauberer als anderswo in Bolivien; Es gibt Toilettenpapier auf den Clos, Papaierhandtuecher, eine funktionierende Spuelung - fast wie in Spanien! Man koennte durchaus sagen, dass es dort, wo die spanischstaemmige Bevoelkerung lebt, deutlich sauberer ist und jegliche Organisation besser funktioniert; das spricht aber nicht gegen die Indigenes! Ich denke mir, dass die Spanier sich in Gebieten angesiedelt haben, in denen die klimatischen Bedingungen denen Europas glichen; die Ureinwohner wurden in unwirtliche, wuestenhafte Gebiete verdraengt, in denen die Spanier nicht leben wollten! Diese Gebiete liegen in Suedamerika sehr hoch, zwischen 4000 und 5000 m. Ich dachte mir vor meiner Reise, mein Koerper koennte sich an diese Hoehenlagen mit der Zeit gewoehnen, doch das Gegenteil war der Fall. Ich wurde zunehmend schlapper; jeder Weg nach oben war mir zuviel und die Sehnsucht nach niedriger gelegenen Gebieten wurde immer groesser; tatsaechlich ging es mir sofort wieder besser, kaum dass es bergab ging. Das spricht dafuer, dass nicht der Hang zur Apathie und auch nicht der regelmaessige Genuss von Cocablaettern der Grund der Passivitaet der Indigenes ist, sondern ganz einfach die Hoehe des Altiplano und der damit verbundenen gesundheitlichen Probleme.

1.12.

Wir haben ein Ticket von Tarija nach Villamontes gekauft; es soll die bessere Strasse nach Paraquay sein und nicht die von Santa Cruz aus! Am Morgen trefen wir einen Deutschen, der seit ueber 30 Jahren in Tarija lebt.

"Was haben die euch gesagt? Das sei die bessere Strasse? Fuer die 240 km nach Villamontes braucht der Bus 8 - 10 Stunden! Da koennt ihr euch vorstellen, in was fuer einem Zustand die Strasse ist! Die viel bessere Strasse geht von Santa Cruz aus!"

Zu spaet; wir haben die Tickets schon! Doch die boese Ueberraschung kommt am Terminal; die Tickets sind auf den 30.11. ausgestellt! Wie kann das sein? Gestern waren wir eine halbe Stunde vor Abfahrt des Buses da, ohne Gepaeck und haben die Tickets fuer heute gekauft -dachten wir! Egal, nur das Datum des Tickets zaehlt und ist hiermit verfallen. Die Dame am Schalter versucht uns neue Tickets zu vermitteln; Sitzplaetze ganz hinten und das auf einer Holperstrasse; wir verzichten und sitzen erst einmal ratlos da! Kann es sein, dass Bolivien uns nicht loslassen will und immer wieder Hindernisse in den Weg stellt, damit wir nicht nach Paraquay ausreisen koennen?

Da kommt uns eine kuehne Idee, naemlich einfach zum Flughafen fahren und nach einem Flug nach Santa Cruz zu fragen; manchmal soll man einem spontanen Impuls einfach folgen, ohne lange zu ueberlegen. Nur 20 Minuten nach unserer Ankunft am Flughafen koennen wir bereits nach Cochabamba fliegen und von dort aus nach einer Stunde weiter nach Santa Cruz! In gerade 1 1/2 Stunden Flugzeit haben wir eine Strecke zurueckgelegt fuer die wir mit Bussen 2 - 3 Tage gebraucht haetten; welch ein tolles Gefuehl!

Als wir in Santa Cruz aus dem Flugzeig steigen, weht us ein Schwall heisser Luft entgegen, der uns fast den Atem nimmt. Oh Gott, wir wollten doch eigentlich laengst in Patagonien sein! Doch das koennen wir Johannes, der seit Wochen in Paraquay auf uns wartet, nicht antun! Also moeglichst bald weiter; am Terminal kommt uns ein Mann entgegen: "Paraquay?" Wir gehen mit ihm mit; sein Angebot: 23 Sunden fuer 120 Euros fuer uns beide bis nach Asuncion; Sitzplaetze relativ weit vorne und wir koennen auch frueher aussteigen und die Strecke in zwei Teilen machen. Er selbst sei der Bus-Chaffeur und los geht es um 19 Uhr. Wir kaufen uns gleich die Tickets; danach haben wir ihn nicht mehr gesehen!

Am Nachmittag, als wir unser Geàeck zum Unterstellen bringen, sind wir mit einem anderen Mann konforntiert, der uns ueberreden will, einen frueheren Bus um 16 Uhr zu nehmen. Allerdings gibt es nur noch hintere Plaetze und darauf haben wir keine Lust; mit Schrecken denken wir an fruehere Fahrten mit kaputtem Stossdaempfer auf Strassen in miserablen Zustand!

Trotzdem, diesmal war es ein Fehler! Um 19 Uhr sollte der Bus losfahren; wir sassen da und warteten ... Um 20 Uhr werden die wenigen wartenden Fahrgaeste, einschliesslich uns, in zwei Taxis verstaut.Nach einer halsbrecherischen Fahrt quer durch die Stadt landen wir in einem Bus, in dem eine christlich fundamentlistische Pilgergruppe unterwegs ist. Wir sind sauer, erheben Protest und so kommen uns die anderen Fahrgaeste zuvor und belegen alle Plaetze, ausser den zweien in der letzten Reihe. Damit ist uns endgueltig klar, dass wir nicht mitfahren!

Nach unseren heftigen Protesten organisiert der Veranstalter ein Taxi fuer uns und sagt, dass seine Firma die Nacht in einer Pension fuer uns bezahlt und wir morgen wieder in sein Buero kommen sollten. Es war dann auch so; trotzdem stand uns noch ein weiterer Endlos-Tripp bevor. Mit drei Stunden Verspaetung ging es am naechsten Abend endlich los; die Fahrt nach Asuncion dauerte 24 Stunden!


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