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Frutillar

Laut "Lonely Planet" ein verschlafenes Örtchen, das nur zu den internationalen Konzertwochen Ende Januar/Anfang Februar aus seinem Schlaf erwacht. Von wegen; es handelt sich um eine Touristenhochburg für ältere Semester. Es wimmelt nur so von Restaurants und Cabanas (Häuschen) zum Mieten, doch mit Supermärkten und Internet sieht es schlechter aus. Reiseagenturen gibt es überhaupt nicht, dafür aber einen "Club Aleman" mit den Wappen von Schlesien und Böhmen am Eingangstor (ein Hort von Reaktionären?).

Der im "Lonely Planet" angegebene Campingplatz ist 2km entfernt; Taxistand gibt es in Frutillar nicht und eines telefonisch zu bestellen, kostet entsprechend und ist mit einer ungewissen Wartezeit verbunden. Also zu Fuß; der Weg erweist sich als endlos; erschöpft halten wir inne; da kommt ein älterer Mann vorbei und sagt, dass es nicht mehr weit ist. Ich mache mich ohne Gepäck dorthin auf; ich werde ausgesprochen unfreundlich empfangen. "Kein Platz für Zelte!" Dabei gibt es genügend Platz zwischen den Cabanas, die von Familien bewohnt werden. Auch der Hinweis auf meine Erschöpfung und die Bitte um eine Ausnahme für eine Nacht fruchten nichts.

Wir beschlossen, zurück zu trampen; nach einer Weile hält ein Lieferwagen mit Arbeitern; einer macht sogar im Auto Platz für Nina und steigt zu mir auf die offene Ladefläche. Wieder im Ort, quälen wir uns bergauf zum einzigen Campingplatz und werden in der Dämmerung von Mücken empfangen. Der Campingplatz gehört einem Bauern, der gleich daneben auf einer Wiese Kühe hält; es laufen Enten zwischen den Zelten umher und nahe am Eingang befindet sich eine große Wasserpfütze, in der sich den ganzen Tag Insekten tummeln. Schlechte Aussichten für einen angenehmen Aufenthalt!

So flüchten wir vor den Mücken erst einmal an den See; kalt soll er laut "Lonely Planet" sein; von wegen; er ist warm, wie die Seen in Oberbayern im Sommer! Na also! Man muss eben nur das Beste aus der jeweiligen Situation machen! In der Nacht nackt im See zu schwimmen; das macht richtig Spaß; in meiner Jugend war dies ein Ritual!

Am nächsten Tag schaue ich mir den Ort an; ein großes Konzerthaus am See fällt mir sofort ins Auge; leider werden dort nur klassiche Konzerte aufgeführt. Die Wohnhäuser erinnern etwas an den Schwarzwald; an einigen ist unter dem Dachgiebel ein Hirschgeweih angebracht, ein anderes hat eine Riesenuhr an der Vorderfront. Überall Schilder "Kuchen"; fürwahr es deutschelt hier!

Als ich genug gesehen habe, nehme ich den Bus nach Puerto Varas, laut "Lonely Planet" ein "deutsches Städtchen mit kauzigen Omas"; keine Spur davon - es handelt sich um eine Kleinstadt, voll touristisch; dagegen hat Frutillar ein gewisses dörfisches Flair. Der einzige Campingplatz ist ein Hostal mit Garten, liegt auf einem Hügel, also abseits vom See und dort ein Zelt aufzustellen, kostet mehr als das Doppelte als in Frutillar. Ja wenn das so ist!

Wieder zurück in Frutillar gehen wir am Abend in einer kleinen Nebenstraße in ein Restaurant. Die Besitzerin und ihre Familie kümmern sich persönlich um uns. Als sie hört, dass wir auf dem "Mücken-Zeltplatz" campen, bietet sie uns gleich ihren Garten an, in dem wir allerdings keinen ebenen Platz gesehen haben. Als sie unser Zögern bemerkt, führt sie uns ins Haus, in dem es sehr unordentlich aussieht. Sie zeigt auf den Teppichboden; dort zu schlafen, habe ich wegen meiner Stauballergie keine Lust; wir ziehen es vor, doch auf dem Zeltplatz zu bleiben. Trotzdem eine nette Geste und so gehen wir am nächsten Abend noch einmal bei ihr essen. Wir geniessen den imposanten Ausblick auf den Vulkan Osorno am anderen Seeufer.

Auf dem Rückweg kommen wir am "Club Aleman" vorbei; da scheint einiges los zu sein und wir wollen einen Blick hinein werfen; sofort werden wir von einem älteren Mann angesprochen und schon stehen einige andere Deutsche um uns herum. Sein Urgroßvater ist schon um 1850 nach hierher ausgewandert und die Anderen sind fast alle, ebenfalls Nachkommen von Auswanderern dieser Zeit. "Der See war damals ohne Zugang, inmitten von undurchdringlichem Urwald; es war eine Pioniertat, die Gegend hier urbar zu machen und forderte ihre Opfer." Mein Großvater sagte immer "Den ersten der Tod, den nächsten die Not und den Dritten endlich Brot!"

Als ich am nächsten Tag den steilen Weg bergab Richtung Ort gehe, hält ein Auto an; der Fahrer ist der Veranstalter des hiesigen Bierfestes und er lädt uns gleich ein, dorthin zu kommen. Wir erfahren, dass es gerade gegenüber dem Campingplatz stattfindet. Noch eine weitere unangenehme Nachricht höre ich aus seinem Mund, nämlich, dass in zwei Tagen in der Gegend die Ferien anfangen und es dann hier nur so von Touristen wimmelt.

"Ach, ihr wollt keinen Trubel, zieht einen ruhigeren Platz vor? Da kann ich euch den Nachbarsee "Todos los Santos" empfehlen; ihr könnt mit dem Bus nach Petrohue fahren, eine Siedlung, die an seinem Ufer liegt. Von dort aus könnt ihr Ausflüge in zwei verschieden Nationalparks unternehmen, einer davon liegt am Fusse des Osorno!" Also nichts wie hin!

Chiloé

Vier Stunden dauerte die Fahrt nach Quellon auf Chiloé und noch einmal 1 1/2 Stunden mit dem Bus nach Chonchi. Dort befindet sich ein kleiner Campingplatz, eigentlich ein Garten hinter einem kleinen Häuschen; der Besitzer ist ein gastfreundlicher Mann mittleren Alters mit Bart. Die einzigen Camper außer uns uns sind junge Chilenen, etliche davon mit Fahrrädern unterwegs.

Chiloé ist ein Inselarchipel, auf deren Hauptinsel wir uns jetzt befinden. Die Häuser sind mit Holzschindeln verkleidet, die alle in Handarbeit hergestellt werden. Besonders beruehmt ist Chiloé wegen seiner farbigen Holzkirchen und -kapellen. Es gibt ueber 100. Viele davon sind mehrmals abgebrannt, wurden aber in traditioneller Bauweise immer wieder aufgebaut. 16 von ihnen wurden 1998 in das Welt-Kultur-Erbe aufgenommen.

Auf Chiloé ist es kühler als auf dem Festland; der Himmel und die Sonne sind oft von Wolken verdeckt. Aber es regnet trotzdem zuwenig und die Insel wird immer wieder von Waldbränden heimgesucht. Bewohnt ist sie erst seit ca.6000 Jahren. Die Inselbevölkerung lebt noch stark nach alten Traditionen; das typische Instrument ist das Akkordeon,eingeführt von den Spaniern; es gibt sogar ein Museum dieser Instrumente. Eine Menge Legenden mit magischen und zum Teil schwarzmagischen Wesen, die sich den Menschen mit sexuellen Avancen nähern und ihnen den Verstand rauben, wie der "Trauco" oder die "Sirena", begleiten die Bewohner bis heute; ich habe mich lieber nicht damit befasst!

Chonchi ist ein nettes kleines Örtchen mit 12000 Einwohnern, am Pazifik gelegen; an der Strandpromenade befindet sich ein Markt, in dem es Empanadas (Teigtaschen, gefüllt mit Meeresfrüchten) gibt, eine Rarität, die uns vorzüglich schmeckt.

Nach drei Tagen unternehmen wir einen Abstecher nach Castro, der Hauptstadt von Chiloé, wo es uns ebenfalls gut gefällt; wir besuchen die wunderschöne Holzkirche, die mit ihren gelblila Farbtönen von weitem auffällt. Gleich am ersten Abend gibt die chiloische Liedermacherin Vasti Michel,die uns in ihrer eigenwilligen Art, Musik zu machen, sehr gut gefiel, ein Konzert im hiesigen Kulturzentrum, Veranstaltungen dieser Art sind übrigens gratis; sie werden zu 100% von der jeweiligen Stadt und der chilenischen Regierung finanziert.

Nach zwei Tagen sind wir nach Chonchi zurück, denn bei unserem ersten Aufenthalt war ich auf ein Plakat gestossen, dass ein Open-Air-Konzert der chilenischen Kultband der 70er Jahre, in der Zeit von Allende, "Inti Illimani" ankündigte; sie zählten zu den musikalischen Wegbereitern der sozialistischen Bewegung, die in freien Wahlen an die Macht kam. 1973 kam es zum Militärputsch durch den General Pinochet. 100000 Menschen wurden ins Fußballstadion von Santiago de Chile verschleppt, dort gefoltert und zum größten Teil getötet, unter ihnen der bekannteste Liedermacher Chiles, Viktor Jara. Inti Illimani entkamen, da sie sich gerade auf einer Auslandstournee befanden. Mit den vielen Flüchtlingen, die damals nach Deutschland kammen und dort erfolgreich politisches Asyl beantragten, kam auch deren Musik in meine Heimat. Dass es Inti Illimani nach 40 Jahren immer noch gibt, wusste ich nicht. Diese Band hier in Chonchi kostenlos hören zu können, war Grund genug, eine ganze Woche auf Chiloe zu bleiben.

Einen Tag vor dem Konzert kehrten wir deshalb nach Chonchi zurück; der Besitzer des Campingplatzes empfing uns mit sichtlicher Freude; wir waren die einzigen Gäste in seinem Garten. Den nächsten Tag benutzten wir dazu, den Nationalpark von Chiloe zu besuchen; er besteht aus einem Stück alten Waldes, der im Urzustand gelassen wird und einer Dünenlandschaft, die bis zum Pazifik reicht. Wir sind bis dorthin gegangen und überquerten dabei einen Fluss, der paralell zum Pazifk fließt, bevor wir das eiskalte Meer erreichten. Das Wetter schien umzuschlagen; beim Blick zurück sahen wir in eine von dichtem Nebel verhangene Landschaft; es wehte ein kühler Wind.

Wenn bloß das Konzert nicht wegen schlechtem Wetter ausfällt! Zurückgekehrt hörten wir, das es auf einen überdachten Platz nahe der städtischem Turnhalle verlegt worden war; die Zuschauer mussten allerdings im Freien stehen. Der leichte Regen störte uns allerdings am wenigstens; doch die miserabel eingestellte Anlage schmerzte in meinen Ohren. Von der alten fünfköpfigen Besetzung sind drei ältere Herren übriggeblieben, die von fünf anderen Musikern verschiedenen Alters begleitet wurden. Ihr Schwerpunkt liegt nicht mehr so auf politischer Agitation (Inti Illimani war die Band, die Anfang der 70er Salvador Allende im Wahlkampf massiv unterstützten und schließlich auch zum Sieg verhalfen), sondern auf der Musik, die eine Mischung aus traditioneller und moderner Rockmusik ist. Die Musiker wirkten sehr engagiert und voller Spielfreude, doch der Sound ... Wirklich schade, doch das Publikum schien sich nicht daran zu stören; es klatschte und sang begeistert mit. Am Ende des Konzertes wollten wir eine CD erstehen, stießen zu unserem Erstaunen mit unserer Frage an der Bühne danach auf Ratlosigkeit. Nach 10 Minuten Warten hieß es - es gibt keine zu kaufen; da müsst ihr schon in einer größeren Stadt in einen CD-Laden gehen!

Eine Woche waren wir in Chiloé gewesen, als wir den Bus nach Puerto Mont bestiegen, um dort im "Casa Perla" zurückgelassene Sachen abzuholen. nach kurzem Aufenthalt ging es weiter nach Frutillar am "Lago Llanquihue", einem See, größer als der Bodensee. Damit haben wir Patagonien verlassen und sind im großen Seengebiet angekommen.

Chile laesst uns nicht los!

Nach drei Naechten in Los Antiguos fuhren wir am 13.01.13 zurueck nach Chile; gleich nach der Grenze landen wir Chile Chico. Weiter geht es nur ueber den "Lago Carrera", um von dort unsere Reise nach Coyhaique fortzusetzen. Leider mussten wir feststellen, dass es erst fuer den kommenden Sonntag Tickets fuer die Faehre gibt. Doch das war kein Unglueck!

Chile Chico ist ein kleines Oertchen am See mit einem gemuetlichen Campingplatz, wo wir auch prompt Kontakt zu anderen Reisenden bekamen; wir kuehlten uns regelmaessig im See ab; zum Schwimmen war es leider zu kalt. Wir stiegen zum Aussichtspunkt hinauf und genossen den Ausblick von dort. Als wir nach einem Schuster fragten, schickten sie uns zum oertlichen Mini-Gefaengnis. Dort wurde ein Gefangener herbeigeholt, der uns fuer wenig Geld anbot, den kaputten Schuh zu reparieren. Nur wenige Stunden spaeter konnten wir ihn wieder abholen.

Am Sonntag fruehmorgens fuhren wir auf einem grossen Dampfer zwei Stunden auf dem Schiff ueber den See; die Fahrt war ruhig und gemuetlich, der Wellengang maessig. Am Hafen Ingeniero Ibañez angekommen, wurden wir gleich vom Fahrer eines Minibuses abgefangen, mit dem es fuer 4000 Pesos (6,30 Euros) nach Coyhaique ging.

Im Touristenbuero fragten wir nach einem Campingplatz; uns wurde "Ayelen" genannt; so liefen wir dann bei gluehender Hitze die Strasse in der Richtung zum hiesigen Nationalpark entlang. Der Weg nahm kein Ende; unser Ziel war offensichtlich ungenau auf unserem Stadtplan eingezeichnet! So stellten wir unser Gepaeck im Schatten ab und ich machte mich allein auf die Suche. Ca. 500m weiter fand ich ihn. Es handelte sich um ein grosses, auf den ersten Blick wenig gepflegt wirkendes Gelaende mit zweistoeckigen Haeuschen. Nach zweimaligem Fragen fand ich die Rezeption. Auf mein Laeuten hin oeffnte sich die Tuer einen winzigen Spalt und eine muerrisch dreinblickende aeltere Frau musterte mich misstrauisch. "Sie koennen nur hierbleiben, wenn Sie im voraus bezahlen, auf dem Zeltplatz 8000 Peseten fuer ein Zelt!" "Ist in Ordnung!" "Warten Sie um die Ecke!" Der kuehle Empfang stiess mich ab. "Wo bin da bloss gelandet? Habe ich etwas an mir, weswegen mich die Alte so unfreundlich behandelt? Sind es meine langen Haare, mein Image des armen Rucksacktouristen?" So zoegere ich und denke schon an einen Rueckzug; vorsichtig begebe ich mich auf die andere Seite, wo sich eine Terasse befindet. Da kommt mir schon ein Mann, Ende Dreissig, mit forschem Schritt entgegen und streckt mir seine Hand hin.

"Wollen Sie einen Platz nahe am Eingang oder wollen Sie lieber ganz unten am Fluss campen?"

Und schon waren wir auf dem Weg nach unten; es ging 50 m einen Huegel hinab, bis zu einer Wiese neben dem Fluss. Dort befand sich eine grosse Huette mit einer Kochstelle mit Tisch, Stuehlen, Toiletten und Dusche. Wer haette das gedacht! Die auf den ersten Blick langweilige, uninteressante Anlage, beinhaltet so einen paradiesischen Platz, genau das richtige, um meinen entzuendeten Zeh zu kurieren. Ich bin echt angetan und hole gleich Nina. Ausser uns steht nur ein Familienzelt auf der Wiese; seine Besitzer reisen gleich am naechsten Morgen ab. Von da an sind wir ganz allein und geniessen dies in vollen Zuegen: Schwimmen, faul in der Sonne liegen und nichts tun!

Nach drei Tagen faulenzen kuemmern wir uns um die Weiterfahrt. Leider sind die Busverbindungen zu unserem naechsten Ziel, El Chaiten schlecht und die Strasse dorthin zum groessten Teil nicht asphaltiert. So beschliessen wir, die Strecke in zwei Teile aufzuteilen. Die erste Station soll Puyuhuapi sein, ein winziger Ort, idyllisch an einem Fjord gelegen; es herrscht wunderbares Wetter und das, obwohl uns ein Einheimischer erzaehlte, es wuerde dort 350 Tage im Jahr regnen! Seit ueber einer Woche haben wir wunderbarstes Sommerwetter, fast schon zu heiss fuer unseren Geschmack! Kein Wunder, dass wir den Begriff von den patagonischen Hundstagen gepraegt haben!

Puyuhuapi ist wirklich ein schoener Ort und das Wasser der Fjords ist warm genug, um einmal richtig ausgiebig zu schwimmen; schade ist nur, dass es weder Geldautomat noch Bank gibt und "Chile Express", die einzige Moeglichkeit, an Geld zu kommen, geschlossen hat. Angeblich koennen wir den verantwortlichen Mann morgen treffen.

So trampen wir erst einmal zum Nationalpark "Queulat". Eine halbe Stunde stehen wir auf der staubigen Strasse, bis uns der Manager einer Lachsfarm 15 km bis zu seinem Arbeitsplatz, der mitten im Fjord liegt, mitnimmt; es werden dort 6000 Lachse herangezogen, jeder 5kg schwer. Der Mann ist ganz begeistert von seinem Job; als ich ihn vorsichtig auf den viel zu engen Lebensraum fuer die vielen Tiere anspreche, weicht er sofort aus; trotz unseres offensichtlichen Interesses ist er nicht mehr gewillt, uns zu einer Besichtigung einzuladen!

Wieder am Strassenrand stehen wir da; jedes Auto wirbelt eine Menge Staub auf, die Sonne knallt vom Himmel und kaum im Schatten, stuerzen sich grosse Insekten mit rotgelbem Brustteil auf uns. Sie heissen in Chile Tabanos und sehen auf den ersten Blick wie Hummeln aus; nur wenige stechen, doch deren Stiche jucken ausserst unangenehm. So stehen wir am Strassenrand und schlagen nach den Tabanos; Ich zaehle die wenigen vorbeikommenden Autos und die erschlagenen Biester; nur noch sieben Autos oder acht erschlagene Insekten und wir gehen hinab zum Fjord, baden dort und kehren dann spaeter nach Puyuhuapi zurueck. Da haelt doch ein grosser Lastwagen mit einem aelteren Mann mit langen weissen Haaren am Steuer.

Zehn Minuten spaeter sind wir am Eingang des Nationalparks. Nachem wir 16 Euros bezahlt haben, wandern wir durch eine Landschaft mit Fuchsien, Nalca (Rhababeraehnlichen Pflanzen), Alerce und uebermannshohen Farnen. Dann geht es ueber eine abenteuerlich schwankende Bruecke zu einem See, an dessen Ende hoch oben in den Bergen ein Gletscher glitzert. Man kann mit einem Motorboot dorthin fahren, doch uns fehlt das Geld dazu; so bleibt uns nur, die Fuesse vom Steg ins Wasser baumeln zu lassen, die Kuehlung zu geniessen und den Gletscher von der Ferne zu bewundern.

Wieder zurueck in Puyuhuapi springen wir in den Fjord; das Wasser hat nur wenig Salzgehalt und ist viel waermer als der Pazifik. An diesem Oertchen laesst es sich aushalten; doch als wir uns nach der Weiterfahrt nach El Chaiten erkundigen, faehrt uns ein Schreck durch die Glieder. Es gibt nur zwei Busse in der Woche, der naechste faehrt morgen und wir haben kein Geld, die Fahrt zu bezahlen. Wir sind eh´ schon dazu uebergegangen, uns nur noch in Laeden zu versorgen, nicht mehr Essen zu gehen; doch es hilft alles nichts, wir kommen mit unserem Geld nicht mehr nach El Chaiten und kein Gelodautomat weit und breit: Auch der Mann von "Chile Express" ist nicht ausfindig zu machen! In der Not wenden wir uns an das Touristenbuero; die Dame dort telefoniert herum; da tritt eine aeltere Frau herein. Es ist die deutsche Leiterin des "Casa Ludwig".

"Natuerlich kann ich Ihnen Euros in Pesos umwechsweln. Kommen Sie nur mit!" Und schon war das Problem geloest und wir bald auf dem Weg nach El Chaiten.

Die Geisterstadt El Chaiten

El Chaiten hat etwas von einer Geisterstadt; die Hälfte der Stadt besteht aus verlassenen, halb eingefallenen Häusern, der andere Teil vermittelt den Eindruck, dass alles wieder aufgebaut wird. Was ist geschehen? Dazu der "Lonely Planet":

"Der Vulkan erwacht! Er stand nicht einmal auf der Liste der 120 Vulkane Chiles, doch das sollte sich schnell ändern! Am 2.Mai 2008 begann ein einmonatiger Ausbruch des Vulkans Chaiten, der 10 km nördlich der gleichnamigen Stadt liegt. Die Aschewolke stieg 20 km in die Luft. Das Wüten des Vulkans verursachte Überschwemmungen und Schäden an Wohnhäusern, Straßen und Brücken und tötete Tausende von Rindern. Vulkanische Asche ging noch in Buenos Aires nieder. Glücklicherweise gelang es, in Chaiten und Umgebung 8000 Einwohner zu evakueiren."

Danach beschloss der chilenische Staat, dass der Ort 20 Km entfernt neu aufgebaut werden soll, doch dort kann die Fähre nach Chiloe nicht anlegen. So blieb der Landeplatz erhalten; ein Teil der Bevölkerung wollte den Umzug nicht akzeptieren und begann, sich wieder am alten Ort anzusiedeln.

In Chaiten wurden wir gleich von einem Mann mittleren Alters mit dem Namen "Nick" abgefangen; er war uns schon in Puyuhuapi von einem anderen Reisenden empfohlen worden. Ihm gehört der kostenlose Campingplatz, auf dem wir inmitten von riesigen Nalca-Pflanzen nächtigten. Nur Trinkwasser gibt es am Platz; Toilette und kalte Dusche befinden sich ein Stück weiter, hinter dem Büro der Busgesellschaft. Doch der Campingplatz war nicht der Grund, warum er uns ansprach, sondern seine Touren, die er zu einem günstigen Preis anbietet. Unser Problem war immerr noch oder schon wieder das fehlendes Geld, denn der Geldautomat am Ort war prompt außer Betrieb.

Nick nahm uns trotzdem zu einer seiner Touren mit, im Vertrauen, dass er das Geld von uns später bekommen würde. Wir waren zuerst am Fuße des Vulkans in einer geisterhaften Gegend unterwegs; durch die Wucht des Ausbruchs wurden Bäume umgestürzt, andere verbrannten. Doch welch ein Wunder; aus den abgestoben wirkenden Stümpfen wuchsen neue Triebe.

Es war brütend heiß und wir waren froh, als wir wieder in unserem Kleinbus, Richtung Pumalin-Park saßen. Die Straße dorthin, durch unberührtes Waldgebiet, existiert erst seit 20 Jahren; als sie gebaut wurde, kamen sofort große Holzfirmen und begannen die Region rigoros abzuholzen. Dies bekam Douglas Thompsen, ein nordamerikanischer Millionär, mit. Er kaufte das noch intakte Gebiet und machte den größten Privatpark Chiles daraus. Er nutzte den Park nicht zu seinem Privatvergnügen, sondern machte ihn für alle zugängig und nicht nur das. Den größten Teil davon schenkte er dem chilenischen Staat unter der Bedingung, dass alles so erhalten bleibt, wie es ist. Wir hätten gerne ein paar Tage in einem der Campingplätze dort verbracht, doch es gibt dort keinen Kiosk oder Geschäfte; so muss man alles Essen selbst mitbringen und das war uns ohne Auto, bei einer Entfernung von 30 km von El Chaiten, dann doch zuviel.

Auf unserer Tour besichtigten wir, auf Wanderwegen in urwaldähnlicher Landschaft, über 3000 Jahre alte Alerce-Bäume von gewaltigen Ausmaßen; einen nahen Wasserfall liesen wir natürlich auch nicht aus und kühlten uns dort in eiskaltem Wasser ab. Auf dem Heimweg machten wir noch einen Abstecher an den Pazifik; brhh, in Chile macht es keinen Spaß, im Meer zu baden!

Am nächsten Tag funktionierte der Geldautomat wieder, doch das Ticket mit der Fähre nach Chiloe hatten wir vorher schon mit der Mastercard bezahlt. Die 20000 Pesos (35 Euos) an Nick für die Tour standen noch aus; doch von ihm war nichts zu sehen; er war wohl schon mit einer anderen Tour unterwegs. Auch das Büro der Busgesellschaft war geschlossen. So wickelten wir das Geld in Papier ein, klebten es zu und übergaben das Päckchen an ein ameri-kanisches Pärchen, welches Nick gestern im Pumalin-Park aufgelesen und nach El Chaiten mitgenommen hatte. Wir baten die beiden, das Päckchen an der Busgesellschaft für Nick abzugeben.

Danach hasteten wir in aller Eile zur Fähre, zu der wir 15 Minuten zu Fuß laufen mußten; puh, das nervt mit all dem Gepäck! Endlich dort angekommen, dauerte es noch fast eine ganze Stunde, bis sie verspätet ablegte. So etwas müßte man vorher wissen!

Der Mythos der Gauchos

Am naechsten Tag, um die Mittagszeit, zogen die Gauchos, festlich gekleidet, durch die Strassen von "Los Antiguos" zum Veranstaltungsort. Dort zeigten sie ihre Kuenste. Es ging darum, sich moeglichst lang auf dem Ruecken eines wilden Pferdes zu halten. Die ungezaehmten Pferde befanden sich innerhalb einer Umzaeunung und wurden von dort von Reitern auf einem Pferd an einer Leine in die Arena gebracht. Sie wurden an einen Baum gebunden und bekamen eine Augenbinde; der Waghalsige, der sich auf einem dieser Pferde versuchen wollte, schlich sich leise von hinten an und sprang mit einem Satz auf dessen Ruecken. Zur gleichen Zeit wurde die Leine losgebunden und die Augenbinde abgezogen. Sofort baeumte sich das Pferd auf und versuchte mit allen Mitteln seinen Reiter wieder loszuwerden; dies dauerte nur wenige Sekunden und die Zeit wurde genau gemessen, um den Sieger, der es am laengsten ausgehalten hatte, zu ermitteln.

Zwischendrin traten immer wieder Musikgruppen auf, die argentinische und chilenische Schlager zum Besten gaben; nach jedem Lied wurde der Veranstalter und etwaige Geldgeber geruehmt und der Mythos des Gaucho-Lebens hoch gepriesen. So verging der ganze Nachmittag, ohne dass die Gauschos irgentwelche anderen Kunststuecke auf ihren Pferden vorfuehrten! Es kam mir wie ein Ritual vor - der tapfere Gaucho bezwingt das urspruengliche Wilde in der Natur! Dass ich mit meiner Annahme gar nicht falsch liege, bestaetigte mir eine Argentinierin, zu der ich naeheren Kontakt bekommen hatte.

"Die Gauchos sind Aussenseiter in der argeninischen Gesellschaft; sie sind Mestizen, also Nachkommen von Indianern und Spaniern; sie fuehlen sich keiner Volksgruppe richtig zugehoerig und sind deshalb extrem empfindlich. Viele von ihnen fuehlen sich diskriminiert und finden ihren Platz in der normalen Gesellschaft nicht. So ziehen sie sich in die Wildnis zurueck, wo ihre indianischen Vorfahren gelebt hatten und betreiben einen Kult um das Pferd. Doch die Wildnis gibt es nicht mehr; fast alles Land gehoert Grossgrundbesitzern, die aus Europa eingewandert sind. Bei denen verdingen sie sich als Schafhirten in Patagonien, in anderen Teilen des Landes als Kuhhirten. Sie werden schlecht bezahlt, wehren sich aber nicht dagegen, da sie auf dem Land keine andere Arbeit finden. Die Grossgrundbesitzer andrerseits akzeptieren, dass sie unzuverlaessig sind. Wenn sie ihren Lohn erhalten haben, vertrinken ihn viele und kommen erst wieder, wenn sie keinen Pfennig mehr haben. So besteht eine merkwuerdige Symbiose zwischen den Gauchos und ihren Ausbeutern.

Ein einziges Mal versuchte ein Gaucho, seine Mitgenossen zu organisieren und gerechten Lohn von den Grossgrundbesitzern zu forden. Die Bewegung wurde sofort blutig niedergeschlagen und das alte ungerechte System besteht seitdem, unangefochten bis heute, weiter.

Doch die meisten Mischlinge haben laengst eine neue Identitaet als Argentinier gefunden und wuerden nie und nimmer als Gauchos arbeiten und leben wollen. Mein Mann ist einer von diesen; als Gaucho haette ich ihn niemals geheiratet.

Ich selbst habe kein Indianerblut in mir, sondern bin Nachkomme von sueditalienischen Einwanderern."

"Das heisst also, dass die meisten Argentiniern Indianerblut in ihren Adern haben? Warum sind dann die vier Indianerstaemme Feuerlands ausgerottet worden?"

"Argentinien war voller Indianerstaemme, als die Spanier kamen; die Vernuenftigen haben sich mit Ihnen arrangiert und vermischt. Sie haben schnell erkannt, dass der "Feind" ihnen technisch weit ueberlegen und damit eine neue Zeit angebrochen ist. Ohne Aufgabe alter Dogmen und Vorstellungen kein Ueberleben! Die Staemme Feuerlands wollten dies nicht einsehen; Ihr Land wurde unter den neuen weissen Siedlern aufgeteilt und eingezaeunt: In der Nacht kamen sie, haben die Zaeune zerstoert und das Vieh gestohlen; das konnte nicht lange gut gehen. Der Staerkere braucht sich das nicht gefallen zu lassen und tut es auch nicht. Doch die Indianer haben ihren Medizinmaennern geglaubt, die ihnen erzaehlten, mit von ihnen angewendeten Zauber, wuerden sie unverletzlich. Natuerlich funktionierte dies nicht. Doch wer nach zwei, drei verhehrenden Niederlagen immer noch nicht den Unsinn solcher Vorstellungen erkennt und entsprechend handelt, ist einfach zu dumm zum Ueberleben!"

Fuerwahr harte Worte, die mich die naechste Zeit begleiten werden.